Foto: angela n. I Flickr I CC BY 2.0

Wie ticken Personaler? Ein offener Brief an Bewerber

Silke Wöhrmann hat als Personalverantwortliche schon unzählige Bewerbungsgespräche geführt – und schreibt bei uns darüber, was sie an Bewerbern schätzt – und welche die wahren K.o.-Kriterien für Personaler sind.

 

Ein Meer von „Ungeduldigen“

Als würde ich ihm wirklich meine Schwächen alle auf den Tisch legen! Also greife ich lieber zu solchen Selbstcharakterisierungen wie „ungeduldig“ – das kommt immer gut an, hört sich nach einem hervorragend ausgerichtetem Karrierefuchs an.

Glauben Sie das wirklich? 

Ganz ehrlich: Wir als Personaler könnten nicht nur einen Verein, nicht nur einen Club, sondern ein ganzes Land mit Menschen gründen, die „ungeduldig“ sind. Und wenn ich wieder und wieder diese offensichtlich massiv verbreitete Ungeduld verbal im Bewerbungsgespräch um die Ohren gehauen bekomme, möchte ich sagen (oder sage ich auch) „Bitte, ich möchte SIE als Person kennen lernen. Ich möchte kein Schauspiel. Ich möchte wissen, wer hinter der Fassade des Bewerbers steckt und welcher Mensch mir gegenüber sitzt. Ich möchte aber nicht wissen, ob Sie die „Tipps und Tricks zur erfolgreichen Bewerbung“ kennen und anwenden können.

Natürlich weiß ich, dass Sie mir nicht gleich alles über sich erzählen.

Aber ich möchte mit meiner Frage wissen: Haben Sie schon einmal über sich nachgedacht? Können Sie sich selbst einschätzen, mit Ihren Stärken und auch Grenzen umgehen? Haben Sie die Fähigkeit zur Selbstreflexion? Denn ich bin der Meinung, dass diese Fähigkeit einfach wichtig ist, um in meiner Firma zu arbeiten. Wer sich nicht hinterfragt, kann sich nicht verbessern. Wer seine Grenzen nicht kennt, neigt zur permanenten Überforderung. Wer seine Stärken nicht kennt, kann diese nicht gezielt einsetzen.

Denn ich möchte (oder meine Kollegen) mit Ihnen zusammen arbeiten, täglich, möglichst über viele Jahre meine Zeit mit Ihnen verbringen. Unser Betrieb verdient Geld, um Sie zu bezahlen. Sie erhalten in den nächsten Jahren Gehälter von über 300.000 Euro. Ist es das zu viel verlangt, mir ehrlich und klar zu sagen, wer Sie wirklich sind? Oder zu viel erwartet, dass Sie sich etwas über das Unternehmen informieren, in dem Sie doch nach eigenen Aussagen schon immer arbeiten wollten, weil es so hochgradig interessant ist?

Warum können dann 80 Prozent der Bewerber, die doch mit ihrer Bewerbung sagen, dass sie für mein Unternehmen arbeiten wollen, nicht vorher mal die Website konsultieren und sich mal erkundigen, wen wir als Kunden haben, welches Leitbild wir verfolgen, welche Produkte wir anbieten?

Ich möchte mit Ihnen zusammen arbeiten und suche nach ehrlichen Bewerbern. 

Ich will Ehrlichkeit!

Wie soll es denn sonst sein? Wenn Sie in der Bewerbung mit mir nicht ehrlich sprechen, wie sprechen Sie dann mit unseren Kunden?
Ich wünsche mir, dass Sie mir erzählen, dass Sie für ein Jahr arbeitslos waren und nicht, dass Sie ein Auslandspraktikum gemacht haben, bei dem leider keine Referenz ausgestellt worden ist. Oder dass Sie sich bewusst um Ihre Kinder gekümmert haben, weil Sie es so wollten und nicht, dass Sie „die Zeit brauchten, um neue Herausforderungen zu suchen“.

Verstehen Sie also bitte: Meine Fragen dienen dazu herauszufinden, wer Sie wirklich sind. Ich möchte Sie nicht quälen, wenn ich frage, warum Sie zum x-ten Mal den Job gewechselt haben. Ich möchte vielleicht gar nicht wissen, warum. Mich interessiert, was Sie aus der Situation gelernt haben und was Sie unternommen haben, um aus einer schwierigen Lebenssituation wieder herauszukommen. Denn ich gehe davon aus, dass Menschen, die gelernt haben, bestens aufgestellt sind, um auch schwierige Berufssituationen zu meistern. Wir Personaler sind ja nicht doof. Wir wissen, dass das Leben wie auch der Berufsweg nicht immer glatt läuft. Wir wollen aber Mitarbeiter, die a) aus Erfahrungen lernen und uns b) das klarmachen können.

Lückenhafte Lebensläufe machen mich unsicher

Glauben Sie mir: Ich bin auch ein Mensch. Mein Job ist es, Personal auszusuchen und einzustellen. Und zwar möglichst so, dass der Bewerber mit dem richtigen Profil auf die richtige Stelle kommt. Und wenn ich öfter „daneben“ liege, ist mein Ruf in der Firma hin. Also ist mein Bestreben, so sicher wie möglich in meiner Entscheidung für oder gegen einen Bewerber zu sein. 

Lückenhafte Lebensläufe machen mich unsicher und führen zu der Frage: Was will er/sie verheimlichen, übertünchen, vertuschen? Mich verunsichert es, wenn der Bewerber, der zu mir kommt, 20 Jahre älter aussieht als auf dem Foto. Oder wenn Zeugnisse oder Referenzen fehlen und nicht belegt werden kann, dass die tolle Tätigkeit jemals auch tatsächlich mit diesen Aufgaben ausgeübt worden ist.

Besonders aber verunsichert mich, wenn Bewerber mir ein Schauspiel abliefern und denken, ich finde es toll, wenn sie sagen „Ich arbeite gerne im Team“ – im Bewerbungsgespräch aber nur mich anschauen und die anderen zwei Damen und Herren, die dabei sitzen, gar nicht beachten.

Oder wenn Bewerber sagen „Ich arbeite zielorientiert und bin zuverlässig“, aber 30 Minuten zu spät kommen und mir nicht sagen können, welches Ziel sie in ihrem eigenen Leben verfolgen.

Umgekehrt aber: Ich freue mich, wenn Sie sich auf unser Gespräch vorbereitet haben und mit Dingen wie Stift und Zettel sich Notizen machen – denn so kann ich mir vorstellen, wie Sie arbeiten: strukturiert, aufmerksam, konzentriert

Ich freue mich auch, wenn ich sehe, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, Ihre Bewerbung für unsere Konkurrenzfirma nicht nur zu kopieren und meinen Namen einzusetzen, sondern wenn ich sehe, dass Sie sich wirklich mit dem Job, den Sie für viele Jahre ausüben möchten, schon einmal auseinandergesetzt haben.

Also, bitte: Bleiben Sie authentisch. Geben Sie mir Gelegenheit, Sie kennen zu lernen – und fragen Sie, um uns kennen zu lernen. Denn die Entscheidung für oder gegen eine Arbeitsstelle gehört doch zu den wichtigen Entscheidungen im Leben. Machen Sie aus Ihrer Vorstellung bitte keine Werbeveranstaltung oder umgekehrt – stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel und hoffen Sie, dass ich Ihre Fähigkeiten schon irgendwie erahnen kann. Wie gesagt, ich bin auch nur ein Mensch.

Herzlichst, Ihre Silke Wöhrmann

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  1. Guten Tag,

    aber ja sicher doch, Frau Wöhrmann, Sie sind ja nur ein Mensch! Ein Mensch der sich eine Job ausgesucht hat in dem er richtet und über andere Menschen entscheidet. Und zwar so wie Sie es selber deutlich im Artikel wiedergeben!….allen voran SIE an der ersten Stelle. Zuerst mal ist doch Ihre Karriere die aller aller allerwichtigste. Um Himmels Willen, Ihr Ruf ist dahin, wenn Sie und noch 5 andere in der Firma die genauso gelagert sind, es nicht geschafft haben, einen einzigen komplett zu unterdrücken damit er sich an das anpaßt was SIE vorgeben und er dabei mit 100 % gefordert ist, seine wirkliche individuelle Seite zu 100 % zu unterdrücken.
    Ach herr je! mh, das kann man dann natürlich nur wenn man alles selber macht, den dann passieren sicher keine Fehler, Frau Wöhrmann! doch so etwas, ….mh, sich suchen ja gerade so einen der die Arbeit macht die sie ja gar nicht selbst machen wollten! Na so was! das ist jetzt aber blöd. Daher nur gut, das sie ihre Machtposition vollumfänglich ausüben können, dadurch lässt sich diese dumme Situation immer unter den Teppich kehren und prima überspielen. Daher haben Sie sich auch brav weitergebildet, wie man Bewerber am besten unter Druck setzten kann und legen äußert wert darauf, daß so wie Sie glauben dieses professionelle Verhalten (was in Wahrheit jedoch die mehr jeglicher sozialen Intellligenz und Verantwortung entbehrt) immer noch verückter und ausgefeilter wird und natürlich auch von den Kollegen die ma Gespräch teilnehmen voll zum Einsatz kommt.
    Dabei stöhnt und ächzt man dann auch noch, daß es ja keine guten Fachkräfte mehr gibt, scheinbar nur noch faule Menschen existieren und die Nachgeneration und vor allem auch der eigenen Nachwuchs, darf stinkfaul über Jahre im Ausland dem Herr Gott den Tag abstehlen, und das wird dann großartig zur Schau gestellt, mit Auslanderfahrung und Kind von WELT!
    Ja Sei sind wirklich zu bedauern, Frau Wöhrmann, da sie ja auch nur ein Mensch sind. Eher eine Person, die über ander heftig kritisch urteilt und völlig außer Acht lässt welches Armutszeugnis Sie sich selbst damit anstellen, da Sie nicht in der Lage sind sich selbst zu hinterfragen und all die Kritik die Sie an andern haben, erst mal bei sich selbst anzuwenden.
    Sie tun mir auch kein bisschen leid, da Sie zwischenmenschlich total versagen, und der erste Grund dafür wäre schon mal, der Job an sich, den wer sich auf selbst so überschätzt das er glaubt, ein Recht für solche Entscheidungen und Urteile über ander zu haben, der wird steinig mit dem Automatismus, so wie ein Bumerang immer zurückkommt, zu kämpfen haben. Doch die überdimensionale Geschwindigkeit die der Bumerang dann hat, ist oft nicht mehr zu auszuhalten und daher ist er auch dann nicht mehr zu fangen! …ach und er hat diesen aber geworfen?
    Tja sodann, Wie sollten erst mal selber leisten was Sie von anderen erwarten! Ich bin froh das die Natur das so eingerichtet hat, denn nichts in dieser Welt ist gerechter, daher vergessen Sei nicht, FEEDBACK ist ein GESCHENK, nicht wahr!

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