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Wie lange bin ich noch fruchtbar? Ein Gründer-Duo aus Österreich hat dafür einen Test entwickelt

Wie lange kann ich noch schwanger werden? Das sollen Frauen nun mit einem Eizellenreservetest herausfinden können, den es seit April auch für zuhause gibt. Ist das eine sinnvolle Möglichkeit für die Familienplanung und wie genau funktioniert das?

 

„Viele von uns gehen genauso blauäugig zur nächsten Wahl, wie sie an die Familienplanung herangehen“

Will ich Kinder und wenn ja, wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Das sind Fragen, bei denen die Suche nach der Antwort ungeheuer schwerfallen kann. Die Zahlen zeigen jedenfalls, dass die Deutschen die Familienplanung immer weiter hinausschieben. Manche warten mit dem Kinderwunsch auch so lange, bis sie letztlich nur noch schwer oder keine Kinder mehr bekommen können.

Wie lange sie fruchtbar sind, überschätzen viele Frauen, sagt Silvia Hecher. Sie ist hat gemeinsam mit Alexander Just Ivary entwickelt, einen Eizellenreservetest, den man ohne Arzt zuhause durchführen kann. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie das funktioniert, wie verlässlich der Test ist und warum viele lange warten, um sich damit auseinanderzusetzen, ob sie Kinder bekommen möchten oder nicht.

Ivary ist ein „Eizellreservetest“ – also ein Fruchtbarkeitstest, der Aussagen darüber geben können soll, wie lange eine Frau noch schwanger werden kann. Können Sie kurz erklären, wie das funktioniert und welche Aussagen mit dem Test konkret getroffen werden können?

„Wir haben basierend auf zahlreichen publizierten Studien und unserer eigenen multizentrischen klinischen Studie ein Datenmodell zur Interpretation der Eizellreserve entwickelt. Unter Eizellreserve oder Eizellvorrat versteht man jene Eizellen, die in den Eierstöcken angelegt sind und quasi den Grundstock der weiblichen Fruchtbarkeit bilden. Insgesamt sind in dieses Modell Daten von über 130.000 Frauen geflossen. Unsere Software kombiniert das aus wenigen Tropfen Blut gewonnene Anti-Müller-Hormon – ein Hormon, das von heranwachsenden Eizellen gebildet wird – mit persönlichen Angaben unserer Kundinnen und gibt Frauen eine Einschätzung zu ihrer aktuellen und künftigen Eizellreserve. 

So erfahren Frauen, über wie viele Jahre hinweg sich ihre Fruchtbarkeit bis zur Menopause voraussichtlich entwickeln wird. Zur Durchführung nimmt man sich zuhause aus der Fingerbeere ein paar Tropfen Blut ab – eine Technik, die schon in verschiedenen Heimtests zur Anwendung kommt und mit der wir gute Erfahrungen gemacht haben. Idealer Weise führt man den Test alle zwei Jahre durch. Die Genauigkeit des Ergebnisses hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem dem Alter der Kundin, wie regelmäßig ihre Zyklen sind und wie oft sie den Test durchführt. Eine große Studie hat gezeigt, dass sich der Eizellvorrat bei 85-93 Prozent aller Frauen mit den geeigneten Berechnungsmethoden gut vorhersehbar entwickelt.“

Einen Fruchtbarkeitstest kann man ja auch beim Arzt seines Vertrauens machen lassen – zudem wird man dort auch im Nachgang betreut, je nachdem wie das Ergebnis ausfällt. Wieso sollte ich also den Test zuhause machen?

„Wir haben Frauen in unterschiedlichen Ländern befragt, wo sie den Test lieber machen möchten – beim Arzt oder daheim. Dort, wo die Nahversorgung nicht optimal ist, etwa mit langen Anfahrtszeiten und Wartezeiten verbunden ist, hat eine klare Mehrheit der Frauen einen Heimtest gegenüber dem Test beim Arzt präferiert. Ich persönlich finde, dass Fruchtbarkeit etwas ist, das – solange kein Grund besteht, etwas anderes anzunehmen – nicht unbedingt in ein medizinisches Setting gehört. Dass es viele Frauen gibt, die ihren Arzt des Vertrauens zu Rate ziehen möchten, kann ich dennoch gut nachvollziehen. In Österreich kann man den Ivary-Test deshalb auch bei vielen Gynäkologen durchführen lassen, und wir sind gerade dabei, dieses Angebot auch nach Deutschland auszuweiten.“

In welcher Situation wäre es denn wichtig, besser einen Arzt aufzusuchen?

„Wenn man älter als 35 ist und bereits seit sechs Monaten erfolglos versucht, schwanger zu werden, sollte man einen Arzt aufsuchen. Bei einem Alter bis 35 wird empfohlen, nach zwölf Monaten erfolglosen Babybastelns zum Gynäkologen oder gleich zu einem Reproduktionsmediziner zum gehen. Auch, wenn die Regelblutung länger ausbleibt, würde ich raten, zum Arzt zu gehen.“

So sieht das Test-Kit für zuhause aus. Quelle: Ivary

Wie geht es weiter, wenn das Ergebnis zeigt, dass die Frauen nicht mehr fruchtbar sind oder aber nur noch wenige Eizellen haben?

„Nun ja, Fruchtbarkeit geht in der Regel nicht von heute auf morgen verloren und erfordert eine qualitative Analyse genauso wie eine quantitative. Unser Test drückt keiner Frau den Stempel ‚unfruchtbar’ auf, das wäre unseriös und ist auch gar nicht möglich. Wir sehen aber natürlich zahlreiche Ergebnisse, die auf eine beinahe erschöpfte Eizellreserve hinweisen. Diese Frauen werden von uns proaktiv kontaktiert und können ein kostenloses Gespräch mit einem Kinderwunschmediziner führen. Wir möchten sichergehen, dass der Befund richtig interpretiert worden ist, und den betroffenen Frauen mit Kinderwunsch aufzeigen, welche Möglichkeiten sie haben. Natürlich arbeiten wir auch mit Kinderwunsch-Kliniken zusammen.“

Sie haben im Jahr 2014 gegründet – wie viele Frauen haben den Test denn bislang schon genutzt und in welchem Alter befinden sich diese Frauen im Durchschnitt?

„Den Test gibt es in der jetzigen Form seit April 2017. Wir haben in der Beta-Phase 1.200 Tests verkauft und viel Kundinnenfeedback eingeholt. Derzeit arbeiten wir intensiv daran, unser Angebot international auszuweiten. Zu Beginn sind vor allem Frauen Mitte 30 bis Anfang 40 mit akutem Kinderwunsch auf uns aufmerksam geworden. Mittlerweile ist die Zahl der Kundinnen im Alter von Mitte 20 bis Mitte 30 gewachsen, die zur langfristigen Lebensplanung herausfinden wollen, wie viele Jahre ihnen für die Familienplanung bleiben. Das freut mich, denn das ist die Zielgruppe, die letztendlich von unserem Eizellreservetest auch am meisten profitiert.“

„Die Gründe, warum Frauen den Kinderwunsch aufschieben, sind mannigfaltig. Letztendlich hat das auch damit zu tun, dass Frauen heute mehr Wahlmöglichkeiten in ihrer Lebensplanung haben als je zuvor. Und das ist ja auch gut so. “



Die Zahlen zeigen, dass wir heute immer später unser erstes Kind bekommen. Sie sagten in einem Gespräch: „Oft entscheiden wir uns zu spät.“ Ist das Ihre Erfahrung, dass viele Frauen sich erst für einen Kinderwunsch entschließen, wenn die Zeit dafür eigentlich vorbei ist? 

„Ja, ich habe in den letzten Jahren sehr viele Frauen getroffen, denen erst rund um den 40. Geburtstag klar geworden ist, dass sie eigentlich auf eigene Kinder nicht verzichten möchten. Dabei haben im Alter von Mitte 30 schon zehn Prozent aller Frauen eine stark eingeschränkte oder erschöpfte Eizellreserve. Andere Frauen wissen schon viel früher, dass sie Kinder möchten, überschätzen aber, wie lange sie Kinder bekommen können. Und wieder andere Frauen finden lange nicht den richtigen Partner, möchten sich erst in ihrem Beruf verwirklichen oder die Welt bereisen. Ich habe als Kinderwunsch-Coach auch mit vielen Frauen gesprochen, die extrem hohe Ansprüche an sich selbst haben und sich lange für zu unreif halten, Kinder zu erziehen. Die Gründe, warum Frauen den Kinderwunsch aufschieben oder sich unsicher sind, ob sie Kinder haben möchten, sind mannigfaltig. Letztendlich hat das auch mit dem heutigen Zeitgeist zu tun und damit, dass Frauen heute mehr Wahlmöglichkeiten in ihrer Lebensplanung haben als je zuvor. Und das ist ja auch gut so. 

Was ich persönlich sehr schade finde, ist, wenn Frauen mit Ende 30 nicht mehr schwanger werden können oder mehrere IVF-Zyklen benötigen und dann sagen:‚Hätte ich gewusst, wie zeitlich begrenzt meine Fruchtbarkeit ist, hätte ich schon früher Entscheidungen anders getroffen.‘ Denn letztendlich geht es darum, dass Frauen für sich passende Entscheidungen treffen, mit denen sie dann gut leben können. Ganz egal, wofür sie sich entscheiden.“

„Mädchen profitieren davon, wenn sie sich mit ihrem Zyklus früh auseinandersetzen und lernen, Körpersignale und Symptome zu deuten.“

Viele Frauen (und Männer) wissen nicht so viel über ihren Körper, wie sie vermuten. Gerade in Sachen Fruchtbarkeit. Vielleicht würde es helfen, wenn wir – ähnlich wie in Schweden – in der Schule nicht nur lernen, wie man verhütet, sondern auch etwas über fruchtbare Tage und wie man schwanger wird. Was denken Sie, wo man hier noch ansetzen müsste, um mehr Wissen zu vermitteln?

„Das ist eine Frage, die ich mir auch schon oft gestellt habe. Ich finde tatsächlich, dass viele wichtige Bereiche, in denen man später im Leben wichtige Entscheidungen fällen muss, in der Schule wenig oder keine Beachtung finden. Viele von uns gehen genauso blauäugig zur nächsten Wahl, wie wir an die Familienplanung herangehen. Wenn in der Schule über Fruchtbarkeit und Sexualität gesprochen wurde, geht es oft hauptsächlich darum, wie man verhindern kann, ungewollt schwanger zu werden und wie man sich vor sexuell übertragbaren Erkrankungen schützen kann. Das ist natürlich extrem wichtig und spielt klarer Weise für Teenager eine größere Rolle als langfristige Familienplanung. 

Vor dem Hintergrund, dass Frauen heutzutage ihr erstes Kind im Schnitt mit 30 Jahren bekommen, halte ich es jedoch für unverzichtbar, die Entwicklung der Fruchtbarkeit bei Frauen und Männern sowie alle Aspekte der Familienplanung in der Schule zu thematisieren. Dazu gehört auch Aufklärung über Familienpolitik – Versorgung von Kleinkindern, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, staatliche Unterstützungssysteme, Rechte für gleichgeschlechtliche Paare – sowie Adoption und Pflegeelternschaft. Das Thema ,weiblicher Zyklus‚ ist ebenfalls sehr wichtig. Mädchen profitieren davon, wenn sie sich mit ihrem Zyklus früh auseinandersetzen und lernen, Körpersignale und Symptome zu deuten. Ich hätte mich als Teenager gefreut, wenn die Themen Sexualkunde, Familienplanung, Familienpolitik und Karriereplanung in der Schule nicht nur am Rande erwähnt worden wären. Jedenfalls bin ich der Meinung, dass man die Aufklärung über Fruchtbarkeit nicht nur den Gynäkologen umhängen darf. Es erstaunt mich, wie laut kurzfristig gedachte Pensionssysteme kritisiert werden und wie selten der Zusammenhang mit der niedrigen Reproduktionsrate und fehlende Anreizsysteme für Mehrkindfamilien produktiv in der Politik diskutiert werden.“

Wann sollte man sich denn bestenfalls mit dem eigenen Kinderwunsch auseinandersetzen?

„Bevor man sich die Frage stellt, ob und wann man Kinder haben möchte, ist es meiner Ansicht nach zuerst einmal wichtig, sich zu überlegen, in welchem Setting bzw. in welcher Partnerschaft man Kinder haben möchte. Im nächsten Schritt hilft es, gut über Fruchtbarkeit im Allgemeinen und die eigene Fruchtbarkeit im Speziellen Bescheid zu wissen. Wir haben über 500 Frauen in Deutschland gefragt, wie lange sie glauben, Kinder bekommen zu können. 80 Prozent gaben an, dass sie glauben, länger als bis 42 Kinder bekommen zu können. Ein Viertel davon glaubt, jenseits der 50 Mutter werden zu können. Wenn man bedenkt, dass die fruchtbare Lebenszeit von Frauen im Schnitt mit 41 endet, wird klar, wie viel Aufklärungsarbeit hier noch zu leisten ist. Unabhängig vom Eizellvorrat ist das Alter immer noch der beste Parameter für die Qualität der Fruchtbarkeit. Mit 31 beginnt diese Qualität im Schnitt zu sinken. Wenn man es verallgemeinern will, würde ich sagen, dass man sich spätestens mit Ende 20 intensiver mit dem Thema Fruchtbarkeit auseinandersetzen sollte.“

Wäre es auch denkbar, einen solchen Test auch für Männer zu entwickelt?

„Die Fruchtbarkeit von Männern funktioniert insofern anders als die von Frauen, als sie nicht von vornherein biologisch begrenzt ist und daher auch viel unmittelbarer beeinflusst werden kann. Ein Mädchen wird mit einer gewissen Anzahl von Eizellen, im Schnitt 1,5 bis zwei Millionen, geboren. Ab dann werden Eizellen abgebaut. Eine menstruierende Frau verbraucht pro Monat von den vielen Tausenden angelegten Eizellen im Eierstock etwa 1.500 bis 2.000, nur eine wird reif. Insgesamt dauert die Entwicklung von einer unreifen zu einer reifen Eizelle etwa drei Monate. Auch Samenzellen brauchen 60 bis 70 Tage, um heranzureifen. Im Gegensatz zu Eizellen entstehen sie aber ständig neu. Das bedeutet, dass ein Mann mit 50 durch gesunde Ernährung, die Vermeidung aufputschender Getränke und Substanzen und die Vermeidung von Überhitzung im Genitalbereich die Qualität der Spermien relativ kurzfristig optimieren kann. Das ist bei Frauen nicht in diesem Ausmaß möglich. Natürlich verschlechtert sich aber auch die Fähigkeit des männlichen Organismus, genetisch einwandfreie Spermien zu produzieren, mit zunehmendem Alter.“

Sie sagen: In Europa sind Frauen Femtech gegenüber sehr viel skeptischer als etwa in den USA. Aber es ist ja auch durchaus wichtig, skeptisch zu sein, wenn man so sensible Daten über sich rausgibt. Wie garantiert ihr euren Kundinnen, dass ihre Daten nicht weitergegeben werden?

„In den USA ist man grundsätzlich aufgeschlossener, neue Technologien auszuprobieren und hinterfragt weniger. Gerade bei medizinischen Applikationen gehen Amerikaner im Vergleich mit Europäern eher freizügig mit ihren Daten um. Das hat Vor- und Nachteile. Grundsätzlich kann ich nur empfehlen, sich gut zu informieren, was mit persönlichen Daten geschieht, bevor man sie preisgibt. Ivary hält sich an alle Vorgaben des aktuellen europäischen Datenschutzgesetzes, wonach medizinische Daten nur anonymisiert verwertet werden dürfen. Das Labor, das Blutproben für unsere Kundinnen auswertet, kennt ihre Namen auch gar nicht. Die E-Commerce-Daten unserer Kundinnen und die medizinischen Daten liegen bei uns verschlüsselt auf unterschiedlichen Serverinstanzen, wodurch wir maximalen Schutz vor Übergriffen gewährleisten können.“                                                                                                                                          

Unsere Interviewpartnerin Silvia Hecher, Co-Founder von Ivary. Bild: Ivary

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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