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Kinderlos glücklich? Diese Entscheidung verdient Respekt!

Die Frage nach der gewollten, bereuten, verwehrten Mutterschaft spaltet neben der Gesellschaft in erster Linie mal wieder die Frauen untereinander – und es ist eines der heikelsten sowie emotionalsten Themen, die derzeit durchs Netz wabern.

 

Du zweifelst deine Mutterschaft an? „Hätteste mal die Beine zusammengehalten“

Meiner Meinung nach kommt man beim Thema „Mutterschaft“ nicht daran vorbei, zunächst einmal das Phänomen der bereuten Mutterschaft anzusprechen. 

Seit die vielzitierte Orna Donath (Regretting Motherhoodendlich das Offensichtliche benannt hat, nämlich dass Kinder haben durchaus eine endgültige Entscheidung ist, keine jedoch die man nicht auch im Nachhinein bereuen kann, kommt niemand mehr an der Debatte vorbei. Und das ist auch gut so. Am lautesten schrei(b)en in dem Zusammenhang immer diejenigen, die gar nicht gemeint sind – nämlich diejenigen Mütter und Väter, die offensichtlich sehr zufrieden mit ihrer Elternschaft sind. „Die armen Kinder dieser Rabenmütter!“ tönt es da, „Hätteste mal die Beine zusammengehalten“ und dergleichen mehr. Wohlgemerkt kommen derartig ätzende Entgleisungen vorwiegend von Frauen selbst. Und ich staune.

Eigener Kinderwunsch statt „macht man halt so“

Ich wünsche keiner Mutter und keinem Kind, dass sich die Entscheidung für eben dieses als lebenslange Abwärtsspirale für Erstere herausstellt. Nur diese Entscheidung hat manchmal weder die Frau noch ihr Kind getroffen und wie sie sich entwickelt, kann nur schwer beeinflusst werden. Das Schlimme am Bereuen ist ja, dass man es erst hinterher tun kann. Solche Familien brauchen Akzeptanz, Hilfe und Unterstützung. Ganz sicher braucht es kein Gemecker von Menschen, die nicht betroffen sind. Dank dieser Debatte reflektieren vielleicht insbesondere junge Frauen mal darüber, ob ihr Kinderwunsch wirklich aus ihnen selbst kommt, oder ob es lediglich eine Entscheidung ist, um der Familie, der Gesellschaft oder dem Partner gerecht zu werden.

Im Hinblick auf die Mutterschaft scheinen erschreckend viele Menschen noch irgendwo in ziemlich düsteren Vor-Zeiten festzustecken, in denen das Muttersein Lebenszweck und Pflicht einer jeden Person waren, die über eine
Gebärmutter verfügte. Daraus abgeleitet lebt der fatale Trugschluss weiter,
dass jedes weibliche Wesen per Definition zur Mutterschaft geboren sei und eine Abweichung dieser „natürlichen Norm“ mindestens fragwürdig, wenn nicht sogar ein Verrat an der Gesellschaft ist: Stichwort Überalterung. Wie sinnvoll das ist? Schaut man sich nur ein wenig um, so sieht man ziemlich viele Mitmenschen, die von ihren Eltern misshandelt und vernachlässigt wurden statt geliebt und gefördert.

Frau gleich zwangsläufig Mutter, Mann gleich optional Vater

Drehen wir den Spieß doch einfach mal um. Jeder gesunde Mann ist theoretisch
Kraft seines Gemächtes in der Lage, Kinder zu zeugen. Schauen wir uns aber mal die Zahl der Alleinerziehenden in Deutschland an, stellen wir fest, dass die
überwiegende Mehrheit derer, die die Rolle der Elternschaft an einem Kind
ausfüllen Frauen sind. Mütter. Jede von uns kennt wahrscheinlich in ihrem
Umfeld Leute, deren Vater sich irgendwann entschieden hat, sein Kind einfach ihr Kind sein zu lassen und sein eigenes Leben von diesem zu befreien. Sofern er
einigermaßen brav Unterhalt zahlt, wird dieser Mensch weder gesellschaftlich
stigmatisiert, noch den Rest seines Lebens den Stempel „Unmensch“ auf der Stirn tragen. Man stelle sich mal vor eine Mutter würde abhauen, nachdem sie ihr Kind geboren hat – der Aufschrei wäre gigantisch, der Vater hingegen den Rest seines Lebens „der tapfere Held“. Die Meldungen zu frisch gebackenen Müttern, die ihr Baby misshandeln, sprechen dafür, dass es durchaus Frauen gibt die auch gerne „abhauen“ würden, aber stattdessen dem Wahnsinn anheim fallen ihrem Baby weh zutun. Wobei es hierfür natürlich auch andere Gründe gibt, wie etwa eine psychische Erkrankung.

Doch von diesem düsteren Abschnitt zurück zu den jungen Frauen, die sich schon in ihren frühen Zwanzigern Fragen zu ihrer Reproduktionsbereitschaft anhören müssen. Diejenigen, die gerne Kinder haben möchten knabbern ganz schön an den damit verbundenen Kompromissen, die weit über verpasste Partynächte hinaus, tief ins Existenzielle gehen. Aber ist das wirklich der einzige Grund warum Frauen keine Kinder möchten? 

Nicht alle Frauen finden Kinder superklasse

Hier sage ich ausnahmsweise einmal ganz laut NEIN. Es ist möglich, dass die Mehrheit der Doppel-X Chromosomenträgerinnen über kurz oder lang einen Kinderwunsch entwickelt und verwirklicht. Manchen wird dieser Wunsch von ihrem eigenen Körper verwehrt, aber das ist in diesem Fall nicht mein Thema.

Die Anhänger des Mutterkultes müssen jetzt einmal ganz stark sein: 

Es gibt Frauen, die werden in ihrem Leben maximal ein paar wenige Kinder süß
finden, aber sind ansonsten völlig immun gegen das so genannte „Kindchenschema“, gegen Gebrabbel und den diffusen Wunsch nach einem Wesen „dem sie alles beibringen können, was sie wissen“.

In einer Linie mit Donald Trump und Cruella De Vil

Diese Frauen haben die wehleidigen Blicke der eigenen Mütter satt, die ihnen zum Vorwurf machen, keine Enkel zu bekommen. Es macht einfach wütend. Was ist das überhaupt für ein abstruser Gedanke? Soll ein neuer Mensch auf die Welt kommen nur um wenn es hoch kommt einmal die Woche die Großeltern zu erfreuen, in vielen Fällen lediglich ein paar Mal im Jahr? Dann die Gesellschaft: Der Egoismus der Frauen ist schuld daran, dass die Deutschen aussterben! What the fuck? Ein faireres, zeitgemäßes Rentensystem steht nicht zur Debatte, aber Frauen sollen gefälligst >3 Kinder bekommen? So viele Geburten pro Frau sind nämlich notwendig, um eine Bevölkerung wachsen zu lassen. Und zu guter Letzt Menschen, die felsenfest davon überzeugt sind, eine Frau ist bedingt durch die ihr innewohnende Fähigkeit schwanger zu werden dazu bestimmt, dies auch zu sein? Die sich ernsthaft in Aussagen versteigen, Frauen die Kindern eine eher neutrale Haltung entgegen bringen, seien in eine Linie zu stellen mit Sympathieträgern wie Donald Trump, Kim Jong Un und, sagen wir, Cruella De Vil?

Ich für meinen Teil mag meine Babysitterkinder, es sind tolle kleine Menschen, die sicher auch mal tolle große Menschen werden, ich mag sie nicht einfach  „weil Kinder = toll“. Aber so sehr ich diese mag, ich will keine eigenen haben, denn die Chance, dass ich es bereuen würde ist nicht klein, das Bedürfnis nach Sicherheit und Liebe für ein Kind ebenso wenig. 

Persönlich würde ich mir mehr Akzeptanz von beiden Seiten wünschen. Es scheint noch ein langer Weg zu sein, bis auf ein „Ich will keine Kinder“ keine Sprüche  á la: „Ach das sagst du jetzt“,  „Du wirst schon sehen“, „Wie
kann man keine Kinder wollen?“ oder „Andere Frauen hätten so gerne Kinder und können nicht“ folgen. Wenn ich eines fernen Tages aufwachen sollte und mir wider Erwarten doch ein Kind wünsche, dann sicherlich nicht „um im Alter nicht allein zu sein“, oder „weil mir nichts Besseres einfiel“. Das Argument mit dem Alleinsein im Alter finde ich hinsichtlich der vielen einsamen alten Menschen, deren Kinder einmal im Jahr zum Anstandsbesuch kommen, besonders schwach. Kinder sind eine Option aber keine Garantie auf einen erfüllten Lebensabend und sollten nicht mit diesem Anspruch unter Druck gesetzt werden.

Respekt für die Lebensleistung von Müttern, Akzeptanz für die Entscheidung dagegen

Ja, ich werde schon sehen. Aber nicht du, nicht die Gesellschaft und auch nicht der Papst. Kim Catrall hat es da ganz klug gemacht, als sie sagte, sie habe zwar keine eigenen Kinder, aber die in ihrem Umfeld seien für sie wie eigene. Damit sind wenigstens die Übermütter beruhigt, für die ein bewusster Verzicht auf Nachwuchs eine persönliche Beleidigung ist.

Von einer bewusst Kinderloser zu euch Müttern: Ihr macht sicher einen Wahnsinnsjob – ich habe einen riesigen Respekt vor der Leistung, Kinder auf das Leben vorzubereiten. Aber liebe glückliche Mütter: bitte gesteht kinderlosen Frauen zu, dass sie ihr
kinderloses Leben durchaus ebenso bereichernd finden, wie ihr euer
kinderreiches.

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