Foto: Barbara Peveling

Mitten im sozialen Drama: mein Alltag als Helferin in einem französischen Flüchtlingslager

Unsere Community-Autorin Barbara hilft in einem französischen Flüchtlingslager – und erklärt bei uns, warum sie nicht nur passive Beobachterin, sondern auch aktive Helferin in einer Krise sein will, die uns alle angeht.

 

Katastrophale Zustände in Calais

Es gibt immer mehr Menschen, die immer verzweifelter versuchen, nach Europa zu kommen. Statt Menschlichkeit finden sie Grenzen – geschlossene Grenzen. Entweder ihre leblosen Körper stranden an unseren Urlaubsstränden, oder wir lassen sie vor irgendeiner Landesgrenze praktisch verreckenUnd wenn sich
doch mal eine Regierung bereit zeigt, Flüchtlinge unbürokratisch ins Land zu
lassen, wird schnell Druck von rechts gemacht. Hauptsache, die Fremden kommen nicht zu uns. Wir sind bereit, darüber zu berichten, aber unternehmen nichts. Wir sind bereit, zu bezahlen, damit wir weiter unsere Ruhe haben.

Mit der Flüchtlingskrise sind in den letzten Jahren immer mehr Menschen nach Calais gekommen. Vor Jahren schon mussten sich Flüchtlinge dort auf einer ehemaligen Müllhalde niederlassen. Flüchtlinge, die hoffen, irgendwann in England leben zu können. Mit zunehmender Menschenmasse wurden die hygienischen Zustände katastrophal. Ende Februar 2016 fingen die Räumungen an.

Calais und Dünkirchen – zwei Lager, denen nichts gemeinsam ist

Der Ärmelkanal ist gut drei Autostunden von Paris entfernt. Die Welt aber, die ich erreichen wollte, war viel weiter weg. Ein Dschungel? Dort gibt es zwei große Flüchtlingslager, das eine bei Calais, das andere bei Dünkirchen. Die Organisation Utopoia 56 hat sich auf die Arbeit mit Freiwilligen im Lager Grande Synthe bei Dünkirchen organisiert, mit ihnen nahm ich über das Internet Kontakt auf. So werden die im Lager aktiven Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen“ unterstützt. Das Lager wurde im März 2016 als erstes humanitäres Lager Frankreichs eröffnet. Die Flüchtlinge wurden praktisch aus dem Schlamm gezogen, und konnten in kleine Holzbaracken mit entsprechend menschlicheren Zuständen umziehen. Von den ungefähr 1500 Flüchtlingen sind die meisten Kurden aus dem Irak oder aus Syrien. Sie sind auf ihrem Weg nach Großbritannien am Ärmelkanal gestrandet. Während im nahe gelegenen Calais das Lager mit Gewalt evakuiert wurde, entschied der Bürgermeister von Grande Synthe, Damien Careme, mit Hilfsorganisationen zusammenzuarbeiten. Anders als in dem vom Staat gestellten Lager bei Calais müssen die Flüchtlinge in Grande Synthe nicht ihre Fingerabdrücke registrieren lassen. Sie kommen als freie Menschen und bleiben es. Die für die Familien gezimmerten Baracken sind in ihrer Konstruktion weitaus günstiger als die Container im Lager von Calais.
Es ist nicht nur möglich, sich im Internet als Helfer anzumelden, auch für die
Unterkunft wird gegen einen geringen Unkostenbeitrag gesorgt. Deutsche
Organisationen
, wie die Münchener Volxküche, sind auch im Lager aktiv.

An einem frühen Morgen breche ich auf, um in dem Flüchtlingslager drei Tage zu helfen. Die Menschen dort haben mit
ihrer Flucht ihre Heimat verlassen, ihren sozialen Status verloren. Auch ich trenne mich beim Aufbruch von meinem Alltag, meiner Familie. Ich begebe mich in einen neuen Zustand. Allerdings
mit der Sicherheit, in ein paar Tagen meine Gewohnheiten und alten Sicherheiten
unberührt wieder zu finden.

Übergang zu einer Parallelwelt 

In der Ferne sind irgendwann die ersten Deiche zu sehen. Grüne Hügel umarmen die breite Landschaft und verbreiten den Geruch von Meer. Fast meine ich, es ginge in den Urlaub. Aber dann erinnere ich mich, dass die früheren Urlaubszonen neue Grenzwalle geworden sind. Diese neuen Grenzen, an denen die Träume von Hilfesuchenden zerschellen wie Schiffe an einem Riff, befinden sich nun mal an touristisch beliebten geografischen Rändern, am Mittelmeer, oder wie im Falle von Calais, am Ärmelkanal.

Als ich ein Industriegebiet durchquere, wird die Straße sandiger und mir fallen als erstes Menschen in gelben Westen auf. Sie hocken an einer Verkehrsinsel im Kreis. Ich bekomme den Eindruck, sie würden dort picknicken. In Wirklichkeit warten die Helfer aber auf Flüchtlinge, um diese sicher ins Lager zu begleiten. Metallbarrieren stehen am Straßenrand, die direkt zum Lager führen. Eine Seitenstraße lenkt mich direkt in den Staub und dann werde ich von der Polizei
angehalten. Genauer gesagt vom CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité,
Sicherheitskompanien der Republik). Sie sollen die öffentliche Ordnung im Fall
von Ausschreitungen wiederherstellen, und werden deswegen vor allem bei
Demonstrationen oder eben im Falle der Flüchtlingskrise eingesetzt.
Ihnen wird vermehrt vorgeworfen, selber gewaltätig zu werden, auch gegen Unbeteiligte. Meine Identität und das Fahrzeug werden überprüft, dann darf ich weiterfahren. Ein Bauwagen am Eingang bildet das Welcome Center für freiwillige Helfer. Dahinter beginnt die Welt der Flüchtlinge. Hier treffen sich
Parallelwelten, die der Helfer, und die der Flüchtlinge. Während die Letzteren um ihr Überleben, und das ihrer Familien verzweifelt kämpfen müssen, bemühen sich die Anderen, diesen Kampf wenn nicht unbedingt leichter, dann vielleicht erträglicher zu machen.

Die Flüchtlingskrise ein soziales Drama

Mit einer Gruppe von anderen freiwilligen Helfern, die aus ganz Frankreich kommen, werde ich in die Arbeit fürs Wochenende eingewiesen. „Ihr seid jetzt
freiwillige Helfer“, eröffnete Lamia, ein Mitglied von Utopia 56 ihre Einführungsrede für Neuankömmlinge, „nur mit eurer Hilfe konnten wir das Lager bauen. Dank euch existiert dieser Ort, ich will, dass ihr respektvoll damit umgeht.“ Unser Einstieg in das Lager glich einem rite de passage, einem Übergangsritus. Unsere Identität wurde nicht nur registriert, wir hatten sie auch irgendwie abgegeben, um hier eine neue anzunehmen, die der Helfenden. Unser neuer Status symbolisierte sich über die blaue Armbinde, die uns als freiwillige Helfer markierte. So unterschieden wir uns nicht nur von den herumlaufenden Flüchtlingen, sondern auch von anderen Organisationen oder Journalisten, die auf dem Terrain präsent waren.

Soziologisch betrachtet waren wir jetzt mitten in einem sozialen Drama, wie es von dem Ethnologen Victor Turner beschrieben wurde. Die aktuelle Flüchtlingskrise ist eben genau das Drama, dass Hilfsorganisationen zu stemmen versuchen. Da sie dabei wenig staatliche Hilfe bekommen, sind sie gezwungen, neue Strukturen zu schaffen. Menschen wie wir werden dabei zu Teilnehmern an einem rituellen Vorgang, der bemüht ist, diese Krise zu lösen.

Tropfen auf dem heißen Stein: 150 Helfer täglich

In der Volxküche“ wird für Frühstück und Mittagessen gesorgt. Dazu gibt es eine Essensausgabe, die Lebensmittel an die Flüchtlinge ausgibt, damit diese sich am Abend selbst versorgen können. Es existiert eine Waschküche, in der die
Menschen ihre Wäsche schmutzig abgeben und sauber wieder abholen können.
Schreiner bauen weiter an Baracken, und Kinder können in die von Flüchtlingshelfern improvisierte Schule gehen. Das Lager ist gut organisiert. Die
Flüchtlinge haben auch ihre eigene Infrastruktur, jemand verkauft Getränke, ein
anderer bietet Sandwiches an. Frisöre sind aktiv.

Trotz der relativen Sicherheit im Lager befinden sich die Flüchtlinge aber in einem sehr unsicheren Status. Einige entscheiden sich dazu, einen Asylantrag zu stellen. Andere träumen weiter davon, den Ärmelkanal doch noch zu überqueren, und dafür bleibt nur die Illegalität. Das Lager wird von Schmugglern und Kriminellen umkreist wie Kadaver von Geiern in der Wüste. Und die 150 Helfer, die Utopia 56“ fast täglich mobilisieren kann, sind dabei eigentlich nur Tropfen auf einem heißen Stein, denn solange die reichen Aufnahmestaaten es nicht schaffen, sich sowohl um die politischen Konflikte, als auch um die Verteilung der andrängenden Flüchtlingsströme zu kümmern, wird diese Krise andauern. Im Alltag des sozialen Dramas werden Menschengruppen und Resolution hin und her geschoben, als handele es sich darum, ein Spiel zu gewinnen. So aber kann es nur Verlierer geben, und das sind an erster Stelle vor allem die Flüchtlinge.

Das soziale Drama aushalten

Hinter dem Eingang des Lagers liegt eine große, offene Halle. Hier sind Unmengen von Steckdosen angebracht. Männer sitzen herum und quatschen, während sie darauf warten, dass ihr Mobiltelefon auflädt, Kinder rennen herum, spielen Fußball oder fahren mit den Fahrrädern. Frauen sind auf den ersten Blick nicht zu sehen. Viele sind nicht über ihre Rechte aufgeklärt, auch das ist eine Arbeit, die eine Nadel im Heuhaufen suchen gleichkommt. Denn Lager bleibt Lager, indem die Menschen, trotz allem, kommen und gehen. Das Lager liegt an einer Böschung unterhalb der Autobahn. Oben sieht man die Fahrzeuge vorbeirauschen wie einen Traum.

„Vor einigen Tagen gab es einen längeren Stau, da sind sofort Flüchtlinge hingerannt und haben versucht, sich auf LKWs zu werfen, aber spätestens am Eingang des Tunnels wurden sie dann aufgegriffen.“, erklärte mir Celine, mit der ich eine Weile im Zelt Tee ausschenkte. Die Studentin aus Lille war bereits zum zweiten Mal mit ihren Eltern gekommen, um in Grande Synthe humanitäre
Hilfe zu leisten. Während wir mit Tee beschäftigt waren, spürte ich plötzlich, wie ein zentimetergroßer Holzsplitter meine Schulter streifte und dann zu Boden fiel. Hatte ihn jemand geworfen oder war er aus dem Gerüst gebrochen? Ich sah mich um, es waren fast nur Männer im Zelt, Fremde, sie für mich und ich für sie. Ich spürte meine eigene Unsicherheit, denn genau wie sie befand ich mich dort auf unbekannten, fremden Terrain. Schließlich war meine blaue Armbinde auch nur Zeichen meines Übergangsstatus in der linimalen Phase des sozialen Rituals. Das ist laut Turner der Moment, in dem die Teilnehmer am verwundbarsten sind. Im Lager befinden sich irgendwie alle in einem Zustand allgemeiner Unsicherheit, und das ist ein verbindendes Element. Wir alle müssen das soziale Drama aushalten. Das geht besser in Gemeinschaft, schrieb auch Victor Turner.

Wenn sehr wenig besonders viel ist

An dem Wochenende war eine Clownin im Lager präsent, um die Kinder aufzuheitern. Bereits als sie ihre erste Luftballontüte herausholte, merkte ich, wie viel sehr wenig sein kann, wenn jemand nichts besitzt. Die Kinder stürzten sich auf die Ballons wie ausgehungerte Tiere. Mehrere Male gelang es uns gerade noch, eine Schlägerei zwischen den Kleinen zu verhindern. Etwas später zog ein Mädchen an meiner Hand, und zeigte auf die Haare ihres Bruders. Ich verstand nicht, was sie sagte, aber als ich den Haaransatz des Jungens auseinanderschob, entdeckte ich eine Beule, die mitten in einer schmutzigen
Wunde saß.

„Doktor“, sagte ich. Die Kinder schüttelten die Köpfe. Die Schwester erklärte, dass die Eltern Angst hatten, vor der Polizei. Sie wussten nicht, dass im Lager Ärzte ohne Grenzen für die Flüchtlinge im Einsatz sind. Die Kommunikation ist schwierig, es fehlt an Übersetzern, um die Flüchtlinge aufzuklären. Nicht jeder sucht von sich aus Hilfe. Gemeinsam mit den Kindern ging ich zu den Eltern. Schließlich kam die Mutter mit uns zum Arzt. Später bedankte sie sich herzlich, denn nicht nur ihr Sohn wurde behandelt, sie hatte auch Schmerzmittel für ihn bekommen.

Nicht nur beobachten, teilnehmen

Irgendwann kam eine Journalistin eines französischen Radiosenders an dem Schulplatz vorbei. Die Frau sprach die ganze Zeit aufgeregt in ihr Smartphone, während ihre Praktikantin versuchte die Geräusche, die die Flüchtlingskinder beim Spielen machten, mit einem Mikro einzufangen. Nach wenigen Minuten verschwanden die Frauen, ohne sich zu verabschieden. Nicht eine von ihnen hat die Kinder wirklich angesehen. Sie hatten zwar ihre Geräusche registriert, aber sie würden sich nicht an das kleine Mädchen erinnern können, das immer auf meinem Schoß sitzen wollte. Oder an den Jungen, der so glücklich war, als wir mit ihm Ball spielten. Sie würden sich nie an den Geruch dieser Kinder erinnern, eine Mischung aus Unschuld und Staub. Auch diese Kinder sind in der Krise zu einer Art Ware geworden, mit der die einen versuchen, Schlagzeilen zu machen, und gegen die sich andere aussprechen, um Wählerstimmen zu gewinnen. Letztendlich wollen viel zu viele nur Beobachter des sozialen Dramas bleiben, statt zu realisieren, dass wir längst Teil der Krise sind.

Wenige Wochen nach meiner Rückkehr unterzeichnete der Innenminister Frankreichs mit dem Bürgermeister von Grande Synthe ein Abkommen, mit dem der Staat die weitere Verwaltung des Lagers übernahm. Auch die Stadt Paris hat mittlerweile angekündigt, ein humanitäres Lager nach dem Vorbild von Grande Synthe errichten zu wollen. Tropfen auf dem heißen Stein? Die Organisation Ärzte ohne Grenzen lehnt bis auf weiteres EU-Gelder ab, um gegen die offizielle
Flüchtlingspolitk zu protestieren. Bis sich die Regierungen endlich wirklich im sozialen Drama engagieren und es nicht nur beobachten, werden andere, Menschen, wie Lamia, Celine, du und ich, weiter helfen müssen, die Krise zu meistern.

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