Fotocollage, die Bilder von Toma Kubiliute, Dalal Mahra, Vanessa Schulte und Nora Blum zeigt.
Fotos: Carmen Aletto | Julius Matuschik | Josie Seiler | Selfapy

„Bei Entscheidungen vertraue ich immer auf mein Bauchgefühl“

Was tun, wenn man sich nicht entscheiden kann? Lieber die sichere Variante wählen oder ein Risiko eingehen? Und wie damit umgehen, wenn andere für dich entscheiden? Das haben wir vier Frauen gefragt. Vielleicht können ihre Antworten dir bei der nächsten Entscheidung helfen.

Die Qual der Wahl – manchmal fällt es so schwer, Entscheidungen zu treffen. Das reicht von alltäglichen Fragen wie „Was ziehe ich heute an?“ bis zu lebensverändernden wie „Möchte ich Kinder?“. Entscheidungen begleiten uns durchs ganze Leben und prägen es.

Wir haben mit unterschiedlichen Personen über ihre großen und kleinen Entscheidungen gesprochen, darüber, was sie tun, wenn sie nicht wissen, welche Wahl sie treffen sollen und sie damit umgehen, wenn andere ihnen eine Entscheidung ungewollt abnehmen.

Vanessa Schulte ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und kann sich am besten ohne äußere Einflüsse entscheiden, Dalal Mahra ist Empowerment-Trainerin zum Thema Antimuslimischer Rassismus und trifft ihre Entscheidungen immer mit einem Blick auf ihre eigene Zukunft, Nora Blum ist Gründerin und CEO von Selfapy und bittet immer ihre Mitgründerin und Vertraute um einen Ratschlag, Toma Kubiliute ist Co-Host von „Hand drauf“ und liebt es, auf ihr Bauchgefühl zu hören, auch wenn das bedeutet, Risiken einzugehen.

Save the Date: Passend zu unserem EDITION F PLUS-Thema „Entscheidungen“ machen wir am 20.12.2021 um 12 Uhr ein Insta-Live mit Yinka Kehinde. Sie ist Referentin, Trainerin, Moderatorin und Seminarleiterin in den Themenbereichen Vielfalt, Kommunikation und Empowerment.

Vanessa Schulte

Vanessa Schulte ist 30 Jahre alt, verheiratet und Mutter einer 4-jährigen Tochter. Sie wohnt in Braunschweig und hat im Oktober 2021 ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen. Aktuell absolviert sie ein duales Studium im Bereich Pflegewissenschaften und arbeitet auf einer Intensivstation. Zusammen mit Josie Seiler betreibt sie den Instagramaccount „VanessaUndJosie“, auf dem sie über ihre Ausbildung und den Beruf Gesundheits- und Krankenpflegerin sprechen, auf Missstände aufmerksam machen und die Leute an ihrem Berufsalltag teilhaben lassen.

Foto: Josie Seiler

Was hilft dir, wenn du dich nicht entscheiden kannst, aber eine Entscheidung fällen musst?

„Mir hilft es, mich frei von anderen Einflüssen zu machen und auf meine ganz individuellen Ziele, Wünsche und Interessen zu hören.“

„Mir hilft es, mich frei von anderen Einflüssen zu machen und auf meine ganz individuellen Ziele, Wünsche und Interessen zu hören.“

Welche Entscheidung fiel dir zuletzt schwer?

„Mir fällt die Entscheidung sehr schwer, ob ich noch ein Kind haben möchte oder nicht. Mein Mann könnte sich ein weiteres Kind gut vorstellen und auch unsere Tochter findet ein kleines Geschwisterchen toll. Das macht diese ohnehin schon so große Entscheidung nicht leichter.“

Was war ein Learning, das du aus einer falschen Entscheidung gewinnen konntest?

„Ich würde dies Entscheidung gar nicht als ,falsch‘ bezeichnen, denn in dem Moment der Entscheidungsfindung war es eine plausible Option für mich. Ich denke hier an die Entscheidung, meinen vorherigen Studiengang zu studieren. Mein Learning daraus war, dass ich nicht nur auf meinen Verstand, sondern auch auf mein Bauchgefühl hören sollte.“

Bist du bei deiner letzten größeren Entscheidung eher ein Risiko eingegangen oder hast du den sicheren Weg gewählt?

„Ganz klar den sicheren Weg. Ich denke, die allermeisten Menschen haben ein gewisses Streben nach Sicherheit. Vor allem, wenn man Entscheidungen trifft, die eine*n nicht nur direkt betreffen, sondern indirekt auch andere Personen, finde ich den sicheren Weg am besten.“

Wie gehst du damit um, wenn andere Personen für dich Dinge entscheiden, die du vielleicht anders entschieden hättest?

„Damit kann ich nur sehr schwer umgehen – privat wie auch beruflich. Ich versuche dann immer ins Gespräch zu gehen, damit ich verstehe, warum über meinen Kopf hinweg entschieden wurde. Dabei möchte ich auch klären, dass ich Entscheidungen, die mich betreffen, gerne selbstständig treffe.“

Dalal Mahra

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Dalal Mahra hat Soziale Arbeit in Potsdam studiert. Sie ist Empowerment-Trainerin zum Thema Antimuslimischer Rassismus und Islamfeindlichkeit. Aus einem eigenen Bedürfnis heraus hat sie im Mai 2020 „Kopftuchmädchen“ auf Instagram gestartet. Aus dem Online-Aktivismus wurde innerhalb sehr kurzer Zeit ein Medien-Start-up. Dalal Mahra ist die Gründerin und CEO von Kopftuchmädchen Media UG, dem ersten Medien-Start-up für muslimische Frauenstimmen im deutschsprachigen Raum.

Foto: Julius Matuschik

Was hilft dir, wenn du dich nicht entscheiden kannst, aber eine Entscheidung fällen musst?

„Ich stelle mir meine Zukunft vor und dann treffe ich die Entscheidung.“

Welche Entscheidung fiel dir zuletzt schwer?

„Meine Arbeitsstelle mit meinen netten Kolleg*innen und einer coolen Tätigkeit für die Gründung meines Medien Start-ups Kopftuchmädchen zu kündigen.“

Was war ein Learning, das du aus einer falschen Entscheidung gewinnen konntest?

„2020 habe ich mir gesagt: Das wird mein Jahr. Ich hatte vor, in Bestform zu kommen, was alle Aspekte umfasste: körperlich, geistig und spirituell. Schnell wurde mir bewusst, dass das bedeutete, dass mit kurzfristigen Befriedigungen wie langes Schlafen, Junkfood oder chillige Abende vor dem Fernseher Schluss ist. Jedenfalls in der Regelmäßigkeit. Ich habe mich für den langfristigen Erfolg entschieden und damit für die Version von mir, die ich schon seit Jahren sein will. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, mich wirklich für mich zu entscheiden. In diesem Jahr habe ich auch Kopftuchmädchen gestartet. Mein Learning: Die kurzfristige Befriedigung ist es nicht wert. Entscheide dich für den langfristigen Erfolg – in so vielen Entscheidungen.“

„Wenn man wirklich was im Leben erreichen möchte, dann muss man auch riskante Entscheidungen treffen. Ich habe meinen Fallschirm immer bei mir und weiß, dass er mich fängt, wenn ich fallen sollte.“

Bist du bei deiner letzten größeren Entscheidung eher ein Risiko eingegangen oder hast du den sicheren Weg gewählt?

„Ich bin eher eine Person, die Risiken eingeht. Ich höre sehr auf mein Herz, darauf was ich wirklich will. Der sichere Weg ist nicht immer der Beste. Wenn man wirklich was im Leben erreichen möchte, dann muss man auch riskante Entscheidungen treffen. Ich habe meinen Fallschirm immer bei mir und weiß, dass er mich fängt, wenn ich fallen sollte.“

Wie gehst du damit um, wenn andere Personen für dich Dinge entscheiden, die du vielleicht anders entschieden hättest?

„Es kommt auf das Ausmaß der Entscheidung an, welche Wirkungskraft sie hat. In jedem Fall würde ich die Person zur Rede stellen und sie nach ihren Beweggründen für diese Entscheidung fragen. Vielleicht würde ich wütend und enttäuscht sein.“

Nora Blum

Nora Blum ist CEO und Gründerin von Selfapy, das Online-Kurse bei Depression, Angst und Panik anbietet. Sie hat an der University of Cambridge Psychologie studiert und bereits verschiedene Arbeitsstationen im klinischen Bereich durchlaufen. Danach wechselte sie in die Wirtschaft und arbeitete für Rocket Internet im Unternehmensaufbau. Bereits im Studium entstand der Wunsch, Menschen mit psychischen Erkrankungen durch Online-Programme niederschwellige Hilfe zu ermöglichen. Nora engagiert sich schon lange für den Abbau von Berührungsängsten mit dem Thema Depression.

In der aktuellen LinkedIn-Changemaker-Kampagne setzt sich Nora Blum für einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen und mentaler Gesundheit am Arbeitsplatz ein.

Foto: Selfapy

Was hilft dir, wenn du dich nicht entscheiden kannst, aber eine Entscheidung fällen musst?

„Ich bitte dann meine Mitgründerin Katrin Bermbach um Rat. Kati ist eine wichtige Unterstützung, wir tauschen uns täglich sehr viel aus. Wir sind beide Psychologinnen und der Wille, etwas zu verändern, hat uns zusammengebracht. Zusammen haben wir Selfapy gegründet. Am Ende überlegen wir immer, was das Beste für die Betroffenen von psychischen Erkrankungen ist. Darauf basierend wird eine Entscheidung getroffen.“

Welche Entscheidung fiel dir zuletzt schwer?

„Ganz banal: In welcher Reihenfolge führen wir die Produktveränderungen für die einzelnen Kurse durch, die wir bei Selfapy anbieten? Priorisieren wir den Depressionskurs und machen erst danach den Angstkurs? Oder andersrum? Ich will am liebsten alle Kurse gleichzeitig weiterentwickeln, aber das geht nicht, weil wir nur begrenzte Ressourcen haben. Auch hier geht es dann darum, zu schauen: Wo brauchen die meisten Betroffenen am dringlichsten Hilfe?“

Was war ein Learning, das du aus einer falschen Entscheidung gewinnen konntest?

„Als ich meinen sicheren Job bei Rocket Internet gekündigt habe, um Selfapy zu gründen, wurde mir von allen Seiten gesagt, dass dies die absolut falsche Entscheidung für mich und meine Karriere sei. War es aber nicht. Wenn man für etwas brennt, muss man seine Leidenschaft verfolgen und einfach mal machen. Das Learning: Konzentriere dich aufs Ziel!“

„Wenn man für etwas brennt, muss man seine Leidenschaft verfolgen und einfach mal machen. Das Learning: Konzentriere dich aufs Ziel!“

Bist du bei deiner letzten größeren Entscheidung eher ein Risiko eingegangen oder hast du den sicheren Weg gewählt?

„Als Gründerin geht man immer Risiken ein. Jede Entscheidung, die ich treffe, hat direkt und indirekt Auswirkungen auf meine Mitarbeiter*innen. Aber bei Selfapy wollen wir Dinge verändern und geben uns nicht mit dem Status Quo zufrieden. Deswegen bin ich immer bereit, Risiken einzugehen.“

Wie gehst du damit um, wenn andere Personen für dich Dinge entscheiden, die du vielleicht anders entschieden hättest?

„Als Gründerin hat man ja den Vorteil, dass man in der Tat sehr viel entscheiden darf beziehungsweise muss. Wenn das Team anderer Meinung ist, dann gehe ich natürlich auch mit der Entscheidung des Teams mit. Ich glaube, das Wichtigste dabei ist, sich mit der anderen Entscheidung abzufinden, nicht zu sticheln, sondern diese dann auch zu 100 Prozent zu unterstützen.“

Toma Kubiliute

Toma Kubiliute ist in Litauen geboren und seit ihrer Geburt taub. Somit ist die litauische Gebärdensprache ihre Muttersprache. Schon seit ihrer Jugend interessierte sie sich für Medien, Fotografie und Reisen. 2017 machte sie dann alleine eine Weltreise für ein Jahr. Nach ihrer Rückkehr hielt sie in Deutschland Vorträge über ihre Reise, mit dem Ziel, junge Menschen mit Behinderung zu ermutigen, dass auch sie alleine reisen können. Seit 2020 arbeitet sie als Host bei dem Funk-Format „Hand drauf“ – ein Instagram-Kanal für die gehörlose Community.

Foto: Carmen Aletto

Was hilft dir, wenn du dich nicht entscheiden kannst, aber eine Entscheidung fällen musst?

„Es gibt zwei wichtige Punkte, anhand derer ich eine Entscheidung treffe. Zuerst verschaffe ich mir einen Überblick, welche Optionen ich habe. Und dann höre auf mein Bauchgefühl, auch wenn meine Gedanken manchmal etwas anderes sagen. Optimal ist, wenn man genügend Zeit hat, um über eine Entscheidung nachzudenken und dann mit Freund*innen und der Familie darüber sprechen kann. Das hilft mir immer sehr dabei, eine passende Entscheidung zu treffen.“

Welche Entscheidung fiel dir zuletzt schwer?

„Ich muss ehrlich sagen, da fällt mir gerade keine ein.“

Was war ein Learning, das du aus einer falschen Entscheidung gewinnen konntest?

„Gedanken wie ,Ich hätte so gerne noch …‘ oder ,Ich hätte es früher beenden sollen‘ helfen nicht weiter. Wenn ich solche Gedanken habe, geht es eher darum, was ich aus früheren Erfahrungen gelernt habe und was mir nicht gutgetan hat. Daraus lerne ich dann, das sich das nicht wiederholen soll. Manchmal braucht man Mut, um etwas Neues auszuprobieren und dabei vertraue ich immer auf mein Bauchgefühl.“

Bist du bei deiner letzten größeren Entscheidung eher ein Risiko eingegangen oder hast du den sicheren Weg gewählt?

„Ich bin eher ein Risiko eingegangen. Ich habe beschlossen, als taube Frau alleine für ein Jahr lang auf Weltreise zu gehen. Am Anfang fiel mir die Entscheidung relativ einfach, aber je näher die Reise rückte, desto unsicherer wurde ich mit der Entscheidung und hinterfragte sie. Mir war immer bewusst, dass ich die Verantwortung für das Risiko übernehmen muss. Allerdings hatte ich diese Stimme im Kopf, die sagte: ,Worauf wartest du noch? Tu es jetzt oder nie!‘ Diese Stimme hat mich motiviert und mir geholfen, bewusste Entscheidungen zu treffen, die ich schon längst machen wollte. Nach der Weltreise war ich viel selbstbewusster und selbstsicherer – dank der Entscheidung, auf meine innere Stimme zu hören!“

„Aufgrund meiner Behinderung – ich bin taub – gibt es einige Entscheidungen, die ich nicht selbst treffen kann. Oft gibt es einfach keine Möglichkeiten oder Zugänge für Gehörlose.“

Wie gehst du damit um, wenn andere Personen für dich Dinge entscheiden, die du vielleicht anders entschieden hättest?

„Aufgrund meiner Behinderung – ich bin taub – gibt es einige Entscheidungen, die ich nicht selbst treffen kann. Oft gibt es einfach keine Möglichkeiten oder Zugänge für Gehörlose. Als Beispiel: In manchen privaten Bereichen wie Vorträge, Workshops oder Seminare muss ich für Gebärdensprachdolmetscher*innen aus eigener Tasche zahlen, weil ich sonst nicht teilnehmen kann. Auch wenn ich ins Theater möchte, sind meine Möglichkeiten eingeschränkt, denn es gibt einfach nicht so viele Angebote wie für Hörende. Das heißt, ich kann mich oft nicht frei entscheiden, wohin ich gehen möchte. Obwohl schon seit vielen Jahren über Inklusion gesprochen wird, hat sich bis jetzt leider nicht viel geändert.“

Jein! Wie treffen wir die richtigen Entscheidungen und lernen aus den falschen?

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