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Erst die Karriere? Frauen entscheiden sich aus einem anderen Grund dafür, ihre Eizellen einzufrieren

Der Methode des „Social Freezing“ haftet die Annahme an, Frauen würden damit ihren Kinderwunsch auf Eis legen, um erst einmal Karriere machen zu können. Doch stimmt das?

 

Erst Karriere, dann die Eizellen auftauen?

Als 2014 bekannt wurde, dass namhafte amerikanische Unternehmen die Kosten für das Einfrieren von Eizellen mit dem Zweck, sie später für künstliche Befruchtungen zu nutzen („Social Freezing), übernehmen würden, war die Aufregung groß. Die Empörung richtete sich zum einen gegen die amerikanische Privatwirtschaft, der vorgeworfen wurde, Druck auf Frauen auszuüben, ihre Familienplanung ihrer Arbeit unterzuordnen. Den Frauen wurde damit auch indirekt suggeriert, nicht selbstbestimmt zu handeln und sich von Arbeitgebern aufs Eis führen zu lassen: Zuschüsse für private Gesundheitsleistungen verpackt als kapitalistische Ausbeutung. „Dass der Vorstoß von den Arbeitgebern kommt, finde ich völlig daneben“, kommentierte Manuela Schwesig, damals noch Bundesfamilienministerin. Anna Reimann schrieb bei Spiegel Online: „Facebook und Apple wollen mit ihrem Vorschlag attraktiver werden für junge Frauen. In Wirklichkeit senden sie das Signal: Wir wollen dich nicht mit Kindern.“ 

Ich schrieb damals bei EDITION F darüber, dass man diese finanzielle Unterstützung der Unternehmen, nicht gleich mit Bevormundung gleichsetzen müsse:

„Man kann die Entscheidung, ihre Angestellten bei späten Kinderwünschen zu unterstützen, auch anders interpretieren als Mitarbeiterinnen möglichst lange kinderlos zu halten. Unternehmen schaffen auf diese Art mehr Wahlfreiheit für diejenigen Frauen, die in jüngerem Alter noch nicht sicher sind, ob sie überhaupt einmal Kinder wollen, die noch auf den passenden Partner warten, und sogar für diejenigen, die krank sind oder es einmal werden.“

Dass der medizinische Fortschritt das Einfrieren von Eizellen ermöglicht hat, ist für Frauen tatsächlich ein Freiheitsgewinn, wenn die Bedeutung eigener, biologischer Kinder für sie einen Wert darstellt. In Deutschland und in vielen anderen Ländern steigt seit langem das durchschnittliche Alter, in dem Menschen das erste Mal Eltern werden. Damit gehen Fruchtbarkeitsprobleme einher, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, die medizinische Unterstützung beim Schwangerwerden erforderlich machen. In vielen Fällen sind dabei die Eizellen der Frau zu alt und eine Schwangerschaft stellt sich selbst nach einer Hormonbehandlung oder künstlichen Befruchtung nicht ein. Zwar ist die künstliche Befruchtung mit wieder aufgetauten Eizellen keine Garantie, schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen, sie erweitert jedoch die Möglichkeiten – ganz besonders für Frauen, die beispielsweise nach ihrer Entscheidung für ein Social Freezing an Krebs erkranken und nach einer Chemotherapie keine befruchtungsfähigen Eizellen mehr haben. 

Die Suche nach einem möglichen Kindsvater

Eine gemeinsame, qualitative Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den USA und Israel hat nun untersucht, warum Frauen sich für das „Elective Egg Freezing“ entscheiden und befragten dazu 150 Frauen (114 in den USA, 36 in Israel) im Zeitraum vom Juni 2014 bis August 2016, die in verschiedenen Fruchtbarkeitskliniken die Behandlung in Anspruch genommen hatten. Von den befragten Frauen, von denen über 80 Prozent Akademikerinnen waren, verneinten über 90 Prozent die Motivation, ihre Eizellen aufgrund von Ausbildung oder Karriere einzufrieren. Sie sahen die Kostenübernahme von Unternehmen als „großzügigen Gesundheits-Benefit“, so Studienleiterin Marcia Inhorn gegenüber EDITION F, der es ermögliche, die Kosten zu tragen, und fühlten sich davon nicht unter Druck gesetzt – vielmehr wünschten sich die Frauen, dass auch ihr Arbeitgeber diesen Benefit anbieten würde. Der Hauptgrund den die Frauen für Social Freezing angaben, war ihr Beziehungsstatus: Single und kein Mann in Sicht, den sie als potentiellen Vater ihrer Kinder sehen konnten. So gaben sie an, keinen Mann zu finden, der sich gegenüber einer festen Partnerschaft und Familienleben offen zeigte, während sie selbst angaben, gerne heiraten und eine Familie gründen zu wollen. 

Angelika Kny, Biologin und stellvertretende Leiterin des IVF Labors der Praxisklinik Sydow in Berlin, bestätigt diese Erfahrung im Gespräch mit EDITION F: „Frauen, die in unserer Praxis Eizellen einfrieren lassen, sind meist alleinstehend und Mitte, Ende 30. Unser Eindruck ist, dass die Frauen sich nicht wegen der Karriere zum Social Freezing entscheiden, sondern wegen des fehlenden Partners. Wenn die Frauen in einer Partnerschaft leben ist oft der Mann noch nicht bereit, um Kinder zu bekommen.“

Zu wenige Akademiker mit Familienwunsch?

Marcia Inhorn, die Professorin für Anthropologie an der Yale-Universität ist, erklärt, dass die Frauen ihrer Studie bislang vor allem keinen passenden Partner oder Partnerin gefunden hätten, der zu ihrem Lebensentwurf passe: „Das Kernergebnis unserer Studie ist, dass die Frauen nach gleichwertigen Partnern gesucht haben, und sie nicht finden konnten. Die Frauen waren alle hochgebildet und sprachen zwar nicht direkt über fehlende Bildung der Männer, aber merkten oft an, dass ihr eigener akademischer und beruflicher Erfolg Männer ,einschüchtern‘ würde, die daraufhin keine Beziehung mit ihnen wollten.“ Ein zweiter Punkt, so Inhorn, so jedoch auch die Erfahrung dieser heterosexuellen Frauen, dass ähnlich alte Männer, die zunächst zu ihnen passten, sich nicht binden wollten, was in der Mehrzahl der Interviews von den Frauen thematisiert wurde.

Der medizinische Fortschritt bietet Frauen also heute, egal ob heterosexuell, lesbisch oder bi, die Möglichkeit, sich in ihrer Entscheidung für ein Kind ein Stück weit unabhängiger von Männern zu machen – sei es, weil der passende Partner, Partnerin oder Samenspender gar nicht vorhanden ist, oder er nicht passt, weil der Zeitpunkt seiner Bereitschaft für Kinder weit hinter dem Wunschzeitpunkt der Frau liegt. Social Freezing könnte also Frauen später ihren Wunsch nach Familie ermöglichen, die anderweitig ungewollt kinderlos geblieben wären. 

Für Frauen mit unbedingtem Kinderwunsch und Partner ist es jedoch nicht die klügste Idee, diesen Traum mit Mitte oder Ende 30 zu konservieren. Den größten Erfolg versprechen Eizellen, die spätestens Mitte 20 entnommen werden. Und selbst dann liegt die Erfolgsaussicht für eine Schwangerschaft pro Eizelle bei nur etwa 8 bis 10 Prozent, so dass dementsprechend viele Eizellen in der Behandlung gewonnen werden müssen. Die Behandlung selbst kann zudem mental und gesundheitlich belastend sein. Die Überstimulation der Eierstöcke, damit viele Eizellen auf einmal heranreifen, geht mit Nebenwirkungen und Risiken einher, die Entnahme der Eizellen kann noch tagelang danach Schmerzen verursachen, wie diese Patientin beim Guardian beschreibt.

Die Frauen jedoch, die sich für das Einfrieren ihrer Eizellen entschieden hatten, beschrieben dies trotz des Risikos, nie schwanger zu werden, in der Studie von Marcia Inhorn  als „empowernd“, „Kontrolle zurückerlangen“, „Stresslinderung“ und „Seelenfrieden“.   

Der Bildungs-Gender-Gap der USA

Ein Drittel der Frauen, die an der Studie teilnahmen, hätten nach dem Social Freezing auch einen Partner gefunden oder geheiratet, so Inhorn, teilweise auch Männer, die einen niedrigen Bildungsabschluss hatten als sie selbst. Der amerikanische Autor Jon Birger, der sich in seinen Arbeiten so wie unter anderem seinem Buch „Date-onomics: How Dating Became a Lopsided Numbers Game“ mit dem wachsenden Gender-Gap in der Bildung auseinandersetzt, nennt diese Beziehungen „Mixed-Collar-Marriages“ und argumentiert, dass Partnerschaften, bei denen die Frau höher gebildet ist als der Mann, in Zukunft häufiger gewählt würden. 

Marcia Inhorn ergänzt jedoch aus anthropologischer Sicht, dass Social Freezing daher vor allem als „temporäre technische Lösung“ für ein breiteres soziales und demografisches Problem gesehen werden sollte, das einen aufgeschobenen Kinderwunsch, Geschlechtsunterschiede bei der Bildung und anhaltende Geschlechterungleichheiten beinhalte, die derzeit nicht genügend Aufmerksamkeit bekämen. Daher sei es auch wichtig, sich der Frage anzunehmen, wie Jungen und Männer im Bildungsgap nicht weiter zurückfallen würden, was in den USA und Großbritannien aktuell ein viel größeres Problem ist als zum Beispiel in Deutschland. In Vereinigten Königreich lag der Gender-Gap an Universitäten 2015 bei 9,2 Prozentpunkten zu Gunsten von Frauen. In den USA waren 55 Prozent der eingeschriebenen Studierenden im Herbst 2014 Frauen – Tendenz steigend.

Trend oder individuelle Entscheidung?

In Großbritannien erhebt die „Human Fertilisation and Embryology Authority“, die Behörde, die für alle Kinderwunsch-Kliniken in Großbritannien überblickt, die Zahlen der Social-Freezing-Patientinnen seit 2001. Die Nachfrage stieg bereits 2010 stark an, als die Methode in mehr Kliniken zugänglich wurde, lag jedoch im Jahr 2014 bei nur etwa 800 Frauen, was etwa 1,3 Prozent aller Follikelpunktionen in diesem Jahr ausmachte.

Für Deutschland, Österreich und die Schweiz erhebt bislang das Netzwerk Fertiprotekt Daten zur Behandlungen von Frauen, die sich vor einer anstehenden Krebstherapie dazu entscheiden, über Behandlungen wie Social Freezing, die Entnahme und spätere Transplantation von Eierstockgewebe und weiteren fertilitätsprotektiven Methoden, später einmal die Chance haben zu können, Mutter biologischer Kinder zu werden. Besonders häufig sind die Patientinnen an Brustkrebs erkrankt. Seit 2013 haben die Zentren, die sich Fertiprotekt angeschlossen haben, pro Jahr knapp über 1.000 Beratungen durchgeführt, etwa 800 davon führen zu einer Therapie.

Für Deutschland gibt es bislang noch keine offiziellen Zahlen für Frauen, die sich ohne medizinischen Anlass für das Einfrieren ihrer Einzellen entscheiden. Das IVF-Register, die seit 1982 Daten zur Reproduktionsmedizin in Deutschland erhebt, teilte auf Anfrage mit, die Organisation sei aktuell „am Anfang der Datensammlung von Behandlungen, die mit der Indikation Social Freezing versehen sind“. Zwar vermerkt der Jahresbericht, dass 0,2 Prozent aller 2015 gewonnenen Eizellen kryokonserviert wurde, jedoch ließen diese Zahlen nicht „nicht allein auf Social Freezing Fälle schließen“, so Markus Kimmel, Leiter der Geschäftstelle des IVF-Registers. 

Für viele zu teuer

Die Nachfrage in der Berliner Praxis, in der sie arbeitet, sei in den letzten drei Jahren gleich geblieben, erzählt Angelika Kny: „Durchschnittlich haben wir eine Patientin pro Woche.“ Eher selten kämen junge Frauen, die Social Freezing karrierebedingt durchführen lassen zu ihnen, „da diese die Kosten oft nicht tragen können beziehungsweise wollen“, sagt Kny. Die Kosten für die Prozedur, die in Deutschland weder von Krankenkassen noch Unternehmen bezuschusst oder getragen wird, beginnt bei etwa 3.000 Euro. Jährlich kommen mehrere hundert Euro für die Lagerung hinzu – und sollten die so gewonnenen Eizellen später einmal für eine künstliche Befruchtung genutzt werden, muss die Frau oder das Paar hier wiederum mehrere tausend Euro einkalkulieren. 

2014, der jüngste vom IVF-Register ausgewertete Zeitraum, wurden knapp über 10.000 Kinder in Deutschland geboren, deren erste Zellen außerhalb des Körpers zueinander fanden. Für die Eltern waren ihre Kinder „teuer“, aber lang ersehnt. Der Unterschied bei diesen Paaren zu Frauen, die sich für Social Freezing entschieden, ist allein, dass sie schon das Glück hatten, die Person zu finden, mit der sie gemeinsam Eltern werden wollten.

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