Collage: EDITION F, Foto: Jennifer Fey

Eltern und Netzwerke: Wir müssen uns öfter trauen, nach Unterstützung zu fragen

An dieser Stelle schreibt sonst unsere Chefredakteurin Mareice Kaiser ihren monatlichen Brief. Weil Mareice im Oktober pausiert, übernimmt in diesem Monat unsere Textchefin Lisa Seelig.

Liebe alleingelassene Eltern,

ich glaube, viele von uns haben nicht im Job, sondern im sogenannten Privatleben ein Netzwerkproblem. Wenn mit ,Netzwerk‘ im Privatleben (mit Kindern) gemeint ist, dass man nicht ständig das Gefühl hat, allein zu sein in dem ganzen Schlamassel, das Elternsein so oft bedeutet, dann müsste zumindest ich dringend besser netzwerken. Einfach nur, um das alltägliche Chaos, manchmal Elend, ein bisschen besser im Griff zu haben.

Ein Beispiel: Neulich hatte ich mal wieder die Wahl zwischen brüllendem, um sich schlagenden Kleinkind auf dem Fahrradsitz, das mitmuss, wenn das ältere Kind zum Fußballtraining eskortiert wird, oder zufriedenem Kleinkind samt meiner Person zu Hause, ich dabei in mittelschwerer Panik, weil das (noch nicht sooo) große Kind alleine über die schlimmste Kreuzung Berlins fahren muss und dabei in der Regel nur aus purem Zufall nicht unter ein Auto gerät. So sehe ich das zumindest.

Harmloses Beispiel, das in ähnlicher Variation aber sicherlich sehr vielen Eltern unter euch im Alltag zu schaffen macht, und das stellvertretend für ein viel größeres Problem stehen soll: So, wie die meisten von uns in diesen Zeiten, und ich meine nicht nur während der Corona-Pandemie, als Familie leben, sind wir nicht gewappnet für die Anforderungen, die der Alltag mit Kindern heute mit sich bringt.

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Vertrauen muss sich entwickeln

In einer besser vernetzten Welt hätte ich an diesem Montag bei einem*r Nachbar*in geklingelt und gefragt, ob ich das Kind mal für eine halbe Stunde bei ihm*ihr lassen könnte. Klingt so banal, aber selbst so etwas Banales klappt nur, wenn man vorher dran gearbeitet hat – die wenigsten Kleinkinder bleiben spontan einfach mal so ein halbes Stündchen bei einer ihnen nicht wirklich vertrauten Person. So ein Vertrauen muss aufgebaut werden.

Und daran arbeiten, tun viele von uns zu wenig. Weil in so vielen Menschen mit Kindern dieser Satz eingehämmert ist, den ich selbst schon viel zu oft gesagt habe: „Ach, passt schon – kriegen wir schon irgendwie hin.“ Das ist meistens nicht falsch ­– aber sollte das der Anspruch sein? Es „irgendwie“ schon hinzukriegen? Wäre es nicht schön, Dinge so hinzukriegen, dass es dabei einigermaßen schön oder gar entspannt zugeht? Und niemand heult, brüllt oder vor Wut um sich schlägt?

Das Grundproblem ist der Gedanke, der Eltern in unserer Gesellschaft, und hier vor allem Müttern, mit der Geburt ihres ersten Kindes eingepflanzt wird: Das wirst du ja wohl hinkriegen. Allein. Es fängt im Wochenbett an: Da können Hebammen noch so oft rauf- und runterbeten, wie wichtig absolute Ruhe im „goldenen Kokon“ in den ersten Wochen sei, wie wichtig es ist, dass niemand vorbeizukommen habe, außer er*sie hat ein warmes Essen dabei, und so weiter. Drei, vier Tage nach der Geburt bringt frau das ältere Kind dann doch morgens zur Kita, weil der*die Partner*in halt früh weg musste, oder es gibt keine*n Partner*in, und extra jemanden fragen, ach, das würde doch zu weit führen, „geht schon irgendwie“.

Das werde ich ja wohl hinkriegen!

Ich habe das, wie so viele andere Menschen mit Kindern, tief verinnerlicht – und dabei das große Privileg, mit meinen Eltern in derselben Stadt zu wohnen, und diese Eltern sind durchaus willig, uns Belastungen abzunehmen. Und trotzdem überlege ich oft hin und her: Ist das jetzt wirklich nötig, meine Mutter oder meinen Vater anzurufen? Das werde ich doch wohl allein hinkriegen!

Das „Problem“ geht auch nicht von selbst weg, wenn Kinder älter werden. Schulkinder stellen in Sachen Pflegeleichtigkeit nicht automatisch die einfachere Variante dar. Ein enormer Vorzug von Babys und wenig bis nicht sprechenden Kleinkindern ist, dass man sie noch besser mitschleifen kann und weniger wertvolle Energie durch harte und nicht endende Verhandlungen verliert. „Arschloch-Ausflug! Ich will nicht schon wieder so einen Scheiß-Ausflug machen! Ich töte den Berg, auf den wir heute steigen sollen!“ – wäre es nicht manchmal so unfassbar schön, wenn man ein Netzwerk hätte, das dafür sorgt, dass auch ältere Kinder zu einem bestimmten Zeitpunkt wegorganisiert sind? Ich weiß, es gibt Leute, die finden „wegorganisieren“ einen schlimmen Begriff („Wozu hast du denn dann überhaupt Kinder bekommen?“), ich hingegen finde den Begriff einfach nur zweckmäßig.

Das Konstrukt der Kernfamilie

Um auf das Grundproblem zurückzukommen: Die meisten Menschen mit Kindern leben bis heute in einem Konstrukt, das in den Fünfziger-Jahren das vergangenen Jahrhunderts vielen noch als Verheißung galt: Damals war das relativ neue Modell der Kernfamilie nämlich eine Chance, auszubrechen aus großfamiliären Zwängen, die Chance, sich frei füreinander zu entscheiden und etwas Eigenes aufzubauen. Damals waren die Rollenverteilungen klar: Eine*r verließ die Familie tagsüber zum Geldverdienen, der*die andere kümmerte sich um Haushalt und Kinderaufzucht.

Mal ganz schnell vorgespult, 68er- und Emanzipationsbewegung und diverse andere gesellschaftliche Umwälzungen später, sieht es so aus: Das Modell der Kernfamilie ist uns im Großen und Ganzen erhalten geblieben, es ist das Modell, auf das die aktuelle Regierung wie alle zuvor ihre Familienpolitik ausrichten. Wir sind aber nicht in den 50er-Jahren stehengeblieben, was unsere Lebensrealitäten angeht. Blind dafür, dass die Zahl der Alleinerziehenden immer weiter steigt, blind dafür, dass es andere Modelle gibt, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien, die auf die Unterstützung der Politik angewiesen sind, werden Familien heute in vielen Bereichen von der Politik alleingelassen.

Das überkommene Ideal der Kernfamilie steckt aber bei vielen von uns (und sei es unterbewusst) bis heute in den Köpfen. Gemeinsam mit dem Patriarchat und stereotypen Vorstellungen davon, wie „Familie“ zu funktionieren hat, sorgt dieses überkommene Ideal dafür, dass wir zu zurückhaltend sind, wenn es darum geht, sich zu verbünden, aktiv, pragmatisch und solidarisch Netzwerke zu knüpfen. Als ob es ein Zeichen des Scheiterns wäre, wenn man nach außen signalisiert, dass man Hilfe braucht.

Erschwerte Bedingungen

Das Konstrukt der Kleinfamilie, besonders in anonymen Großstadtkontexten, ist unter heutigen Bedingungen – oft sind alle Elternteile in Lohnarbeit, die Betreuungssituation aber nicht so, wie sie dafür sein müsste, Großeltern und andere Verwandte leben meist woanders – zum Scheitern verurteilt, und es liegt derzeit noch an den Individuen selbst, für sich zu sorgen und ein Netzwerk zu schaffen, das über dieses Konstrukt hinausreicht.

Ich weiß noch, wie bedrückt ich vor einigen Jahren den Text einer Autorin bei uns las, die darüber schrieb, wie ihre Fehlgeburt ihr zeigte, dass sie in der Großstadt verloren war und zurück zu ihrer Familie aufs Land wollte – weil sie es nicht schafften, am Tag ihrer Fehlgeburt, als ihr Partner sie ins Krankenhaus begleiten wollte, Betreuung für die ältere Tochter zu organisieren: „Sieben Stunden sitze ich in der Notaufnahme. Mein Mann ist nicht da. Er ist zu Hause mit dem Kind. Wir kennen niemanden, der auf das Kind aufgepasst hätte. Also gehe ich alleine in die Notaufnahme. Wir wohnen in Berlin und fragen uns warum, wenn wir nicht eine einzige Person kennen, die wir an einem Samstagnachmittag anrufen können, um sieben Stunden auf unser Kind aufzupassen, damit mein Mann bei mir sein kann, wenn der junge und sehr nette Arzt mir sagt, dass da kein Herzschlag mehr ist.“

Angemessene Rahmenbedingungen fehlen

Das Modell der Kernfamilie jedenfalls stößt an seine Grenzen, weil die Politik bis heute nicht in der Lage war, annähernd angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein gutes Leben in diesem Konstrukt für alle möglich macht – besonders für Leute mit wenig bis keinen Privilegien.

Der US-amerikanische Autor und Journalist David Brooks  schreibt in einem ausufernden Essay mit dem Titel „Die Kernfamilie war ein Fehler“ für den „Atlantic“, warum das Modell für ihn ein Super-GAU ist: „Wir haben das Leben der Erwachsenen verbessert und das der Kinder verschlechtert. Wir haben uns wegbewegt von den großen, untereinander verbundenen und erweiterten Familien, die dabei geholfen haben, die Schwächsten vor den Schwierigkeiten des Lebens zu bewahren, hin zu kleineren, isolierten Kernfamilien (ein verheiratetes Paar und ihre Kinder), die den Privilegierteren der Gesellschaft Raum geben ihre Talente auszubauen und ihre Möglichkeiten zu erweitern.“

Brooks sieht die einzige Lösung in einer radikalen Abkehr von der Kernfamilie, einer Abschaffung quasi, und im Ersatz durch neue, andere, moderne Netzwerke – weg von Tradition und Biologie. Genau das wird ja auch heute schon vielfach gelebt, in Regenbogenfamilien, Patchworkfamilien. Aber auch sie sind auf ein Netzwerk jenseits ihres Konstrukts angewiesen, denn teilweise steigen die logistischen Ansprüche in diesen Konstrukten ja auch wieder, wenn mehr Akteur*innen im Spiel sind.

Das Unheil nimmt seinen Lauf

Tatsächlich gab es ja früher dieses „Dorf“, von dem immer wieder die Rede ist und das mittlerweile ein sehr ausgelaugter Begriff für mich ist. Vor allem die Frauen im großfamiliären Kontext oder im Kontext einer (Dorf)gemeinschaft übernahmen die Betreuung der Kinder gemeinsam, ganz selbstverständlich entstand so ein Netzwerk, das keine Frau alleinließ.
Dieses Netzwerk können wir uns in Ansätzen unter modernen Voraussetzungen ebenfalls schaffen. Aber wir müssen dafür selbst aktiv werden. Wenn nämlich schon Frauen im Wochenbett mit dem Kinderwagen und dem Gefühl, ihre Eingeweide würden unten rausfallen, durch die Gegend laufen – „geht schon irgendwie“ – nimmt das Unheil seinen Lauf. Da ist diese automatisierte Scheu, mit der Hilfe sogar aktiv abgelehnt wird, als wäre es ein Eingeständnis von Unfähigkeit oder Überforderung, Hilfe anzunehmen oder aktiv zu suchen, dabei will man es sich doch einfach ein bisschen leichter, angenehmer, weniger stressig machen! Alleinerziehende, Eltern mit psychischen Erkrankungen oder mit chronisch kranken Kindern oder besonderen Bedürfnissen, haben noch viel größere Schwierigkeiten, gegen die Isolation und gegen die andauernde Erschöpfung anzukämpfen.

Mehr Freiheit und Flexibilität

Natürlich muss an erster Stelle immer die Forderung an die Politik stehen, Rahmenbedingungen für alle Familien zu schaffen, in denen sie gut leben können, die ihren heutigen Bedürfnissen gerecht wird.

Es hilft uns aber auch, pragmatisch und ohne die Angst, man könnte als unfähig oder überfordert oder lästig angesehen werden, um Hilfe zu bitten – und Hilfe immer dann anzubieten, wenn man die Kraft dazu hat, wenn man merkt: Mir geht es gerade gut, ich habe etwas zu geben – es wird immer jemanden geben, der*die diese Hilfe so gut gebrauchen kann! Die Leute, die innerlich danach lechzen, sich sehnen nach dem ersten Faden für ein Netzwerk, das entlastet, sie sind eine viel zu unsichtbare, aber überwältigende Mehrheit.

Bestimmt gibt es ein Kind in der Kita oder in der Schule, mit dessen Eltern man ein regelmäßiges, wechselseitiges Playdate vereinbaren kann, sodass an einem Nachmittag, der logistisch anspruchsvoll ist, mehr Freiheit und Flexibilität da ist; bei vielen, die mit anderen Familien mit Kindern im Haus wohnen, ist es ohnehin schon so, dass die Kinder sich miteinander vernetzen, heißt: miteinander spielen; das sind fantastische Anknüpfungspunkte, um über dieses informelle Spielen hinaus konkret zu fragen: An welchen Tagen wäre es möglich, dass ich mein Kind mal eine Stunde bei lassen kann? Und gibt es Tage, an denen ich euch entlasten kann?

Tatsächlich ist es so, dass man diese kleine Person, die zuverlässig immer dann an der Badezimmertür klopft, wenn man gerade auf dem Klo sitzt, und unbedingt in diesem Moment das Bügelperlenbild gebügelt kriegen muss und sonst einen Nervenzusammenbruch erleidet, ab und zu loswerden muss, um nicht durchzudrehen – allein das ist doch ein legitimer Wunsch!

Belastungsgrenzen sind individuell

Das Problem mancher Eltern, zumindest meines ist: Ich mache mir immer den Druck, etwas zurückgeben zu müssen, wenn mir jemand etwas abgenommen hat, mich entlastet hat, mir einen Gefallen getan hat: Oh, Kind x durfte bei Kind y mit ins Schwimmbad? Wann laden wir Kind x bloß bald mal zu uns ein?

Darüber kann man aber reden. Denn die Belastungsgrenzen von Menschen mit Kindern sind so verschieden wie von außen bestimmt: Alleinerziehend? Ein behindertes Kind oder mit besonderen Bedürfnissen? Ein Kind oder vier davon? Und Eltern sind unterschiedlich – je nach persönlicher Belastung und persönlicher Konstitution gibt es solche, die das Leben mit einem Kind fertigmacht, während andere vier Kinder recht gut gelaunt durchs Leben bugsieren.

Eine befreundete Mutter suchte neulich auf dem Hof unserer Wohnanlage nach einer Abendessen-Verabredung für einen ihrer vierjährigen Zwillinge. Denn, so erklärte sie, ihre Frau sei an dem Abend nicht da, und alle drei Kinder am Abendbrottisch würden sie so fertigmachen, dass sie dazu übergegangen sei, an solchen Abenden eins der Kinder auszulagern für die abendliche Nahrungsaufnahme, um die Nerven aller nicht an die Belastungsgrenze zu bringen. Was für eine geniale Idee! Und wer jetzt spontan dachte: „Also das wird sie doch wohl gerade noch selbst hinkriegen!“, der möge diesen Glaubenssatz bitte durch diesen ersetzen: „Total gut – warum mache ich das nicht auch einfach öfter?“

Eure Lisa

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Studium der Politikwissenschaften, nach Ausbildung zur Redakteurin an der Berliner Journalisten-Schule Stationen bei NEON Online und Vanity Fair, freie Autorin für Magazine, Zeitungen und Online, Buchautorin, seit November 2014 Redakteurin bei EDITION F mit Schwerpunkt Familie und Gesellschaft, seit Januar 2020 Textchefin. Foto: Jennifer Fey

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