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Carmen Uth: „Mitfühlend zu führen bedeutet nicht, ausschließlich verständnisvoll zu sein“

Wie kann ich meine Gefühle im Berufsleben für mich nutzen? Genau darin schult Emotionstrainerin Carmen Uth Führungskräfte. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

 

„Die emotionale Pflege braucht es genauso wie die tägliche Körperpflege“

Wie kann ich meine Gefühle im Berufsleben für mich nutzen? Genau darin schult Emotionstrainerin Carmen Uth Führungskräfte. Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Gefühle haben im beruflichen Kontext einen unprofessionellen Beigeschmack – das aber ganz zu Unrecht, sagt Emotionstrainerin Carmen Uth. Denn daraus, die eigenen Gefühle zu verstehen und dann bewusst damit umgehen zu können, kann ein großer Antrieb entstehen. Genau das hat sie auch persönlich erfahren, als sie nach einer schweren Krankheit lernte mit ihren negativen Emotionen zu arbeiten, statt sich von ihnen lähmen zu lassen. Heute coacht sie Führungskräfte darin und behandelt dabei auch Themen wie die Sorge, durch die Abgabe von Verantwortung die Kontrolle zu verlieren oder emphatisch zu führen sowie sich dennoch auch emotional abgrenzen zu können.

Was macht für Sie ihren Beruf als Emotionstrainerin aus?

„Zu lernen und Gelerntes weiterzugeben, macht mich einfach glücklich. Das begann in der Schulzeit, setzte sich in meiner beruflichen Karriere als Managerin International Sales für Entwicklungswerkzeuge in der IT-Welt fort und läuft bis heute als Emotionstrainerin. Menschen, die bei mir im Training sind, erreichen endlich das, was sie für sich wirklich brauchen, weil sie sich ihren Emotionen stellen und sie nutzen.“

Mit welchen Problemthemen oder Herausforderungen kommen ihre Kunden zu Ihnen?

„Meine Kunden sind meist LeaderInnen. Menschen, die andere Menschen führen und dadurch selbst gefordert sind, durch scheinbare Gegensätze wie: Wie führe ich mein Team und lasse trotzdem Selbstbestimmtheit zu? Wie stoße ich Konfliktlösung an, ohne selbst zu viel einzugreifen? Wie schaffe ich es, leichter abzugeben, anderen Verantwortung zu überlassen, ohne dabei das Gefühl zu haben, an ‚Größe’ und Kontrolle zu verlieren? Wie hole ich meine Leute zu mir ins Boot und schaffe dadurch Eigenantrieb im Team? Wie erlange ich mehr Respekt, ohne kumpelhaft zu sein? Wie schenke ich Empathie und grenze mich dennoch gesund ab? Das sind ganz typische Themen.“

Dass Sie heute diesen Beruf ausüben, hat auch einen persönlichen Hintergrund – wollen Sie kurz davon erzählen?

„Das Geschenk, die ‚Fremdsprache Emotion’ zu lernen – wie es einmal jemand treffend formuliert hat – verdanke ich meinem Körper. Nach einer Hirntumor-OP fühlte ich mich meinen Emotionen ausgeliefert. Angst, nicht mehr arbeiten zu können, Existenzangst, Angst, nicht mehr gesund zu werden, Angst, in meiner Ehe zu scheitern … aber das war noch nicht alles, es kam noch ein Emotions-Cocktail mit Wut, Trauer, Hilflosigkeit und Frust oben drauf. Das ist mir nicht mehr bekommen! Ich wollte wieder mein Leben zurück und Macht über meine Emotionen zurückerlangen. Und natürlich an allererster Stelle gesund werden.“

Was haben Sie in dieser Situation über sich und die Kraft von Emotionen im Positiven wie im Negativen gelernt?

„Im positiven Sinne ist es das größte Geschenk meines Lebens: Ich habe gelernt, meine Emotionen handzuhaben. Im negativen Sinne hätte mich mein Selbstmitleid dazu geführt, zu verharren und einsam, verhärmt und verbittert zu enden – das war keine Alternative für mich. Heute verstehe ich Selbstmitleid als Sehnsucht nach Empathie. Und damit steige ich automatisch aus der Hilflosigkeit heraus. So denken und fühlen zu können, hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Die Freiheit, die ich heute lebe und genieße, ist kostbar für mich und keinesfalls selbstverständlich. Genauso wie das Geschenk, mich wieder gesund zu fühlen.“

Was hat es für Sie gebraucht, um sich nach dieser Zeit selbst wieder als wertvollen Menschen wahrnehmen zu können?

„Zu glauben, dass es da einen einzigen Schritt gibt, den man geht und dann ist alles gemacht, ist ein Irrglaube. Wie die tägliche Körperpflege braucht es emotionale Pflege – ich nenne es EmoCare. Immer wieder zeigt sich in meinen Trainings, wie wichtig Selbstfürsorglichkeit ist und für seine ‚Ich-Wellness’ zu sorgen. Dazu sind die wichtigsten Einstiegs-Fragen vom Problem- zum Lösungsdenken nach Steve de Shazer: ‚Was ist?’ und ‚Was soll stattdessen sein?’“

Ein Neustart im (Berufs-)Leben ist nie einfach. Welche Frage hilft, um sich klarzumachen, ob man bereit dafür ist und wohin es gehen könnte?

„Das ist relativ einfach. Es ist die Frage: ‚Was brauche ich?’ Wenn ich mir bewusst bin, was ich brauche und warum ich es brauche, dann habe ich die Basis für meinen Eigenantrieb geschaffen. Dann kann ich mich weiteren Fragen stellen, etwa wie ich es am besten erreichen kann. Das Problem ist, dass wir Menschen verlernt haben, diese Frage zu stellen und auf unser Innerstes zu hören, das uns diese Antworten liefert. Dafür ist ein wohlwollender, einfühlsamer Gesprächspartner unschätzbar, der mit richtigen Fragen diese Fähigkeiten wieder in uns weckt.“

Emotionen haben im beruflichen Kontext noch immer einen unprofessionellen Beigeschmack – wieso ist das so und warum ist das Ihrer Meinung nach unberechtigt?

„Viele verstehen unter Emotionen nur die negativen, also unkontrollierbaren Affekte. Doch das ist nur ein kleiner, eingeschränkter Ausschnitt. Mit diesem eingeschränkten Verständnis berauben wir uns unseres Lebensgefühls. Indem wir versuchen, sogenannte ‚negative’ Emotionen wie Angst, Wut, Trauer oder Frust zu verdrängen, verschließen wir uns sogenannten ‚positiven’ Emotionen wie Liebe, Freude, Freiheit oder Glück – und wundern uns dann, warum wir uns so unzufrieden und leer fühlen. Wertfrei betrachtet sind Emotionen einfach nur eines: eine unglaubliche Energiequelle.“

Es gibt in diesem Zusammenhang immer wieder die Kritik, dass wenn alle im Büro einfach ihre Emotionen herauslassen würden, Chaos entsteht. Ist da nicht etwas dran?

„Wir haben vor kurzem in einer Institution mit einem Team gearbeitet, das im Veränderungsprozess steht. Das Schaffen einer vertrauensvollen Ich-Wellness-Atmosphäre in den Teams, in dem scheinbar ‚chaosverursachende’ Emotionen wie Angst vor Gehaltskürzung, Angst vor Degradierung, Angst vor schlechteren Arbeitsbedingungen und auch Unmut über bestimmte Abläufe auf den Tisch kommen durften, hat einen richtigen Knoten platzen lassen. Führungskräfte haben oft Angst vor Eskalation, deshalb kommen diese Themen in der Regel gar nicht erst auf den Tisch. Dazu kommt es aber nur, wenn Empathie und Verständnis fehlen, weil man sich selbst angegriffen fühlt. Sobald Führungskräfte für sich selbst positive Erfahrungen mit emotionalen Themen im beruflichen Kontext machen, können sie es für sich und in den Teams weiterleben. Denn wo Empathie ist, braucht es keine Eskalation.“

Sie sprechen im Zusammenhang mit Emotionen von Selbstführung – was hat es damit auf sich?

„Selbstfürsorglicher Umgang mit Emotionen und Bedürfnissen ist wertvoll. Wenn ich Emotions-Überdruck und –Unterdruck regulieren und wertvolle Emotionsenergie gezielt für Bedürfnisse einsetzen kann, kann ich mit eigenen Grenzen und Fehlern selbsttolerant umgehen. Damit habe ich die besten Voraussetzungen, um genauso mit meinen Mitmenschen umgehen zu können. Wohlwollender, selbstfürsorglicher Umgang mit sich selbst – sogenannte Emotionsleadership – ist die Basis für Empathie und die ist wesentlich für Teamführung.“

Was wäre denn der erste Schritt, um die eigenen Emotionen für sich „arbeiten“ zu lassen. Also: wie nutzt man etwa ein mitfühlendes Gemüt für seinen Job als Führungskraft?

„Der erste Schritt ist immer Hinschauen. Das bedeutet, die (eigenen) Emotionen nicht mehr zu verdrängen, sondern sie sich ganz bewusst anzuschauen. Die meisten haben einfach nur Angst, vor dem, was sie erkennen könnten. Doch hinzuschauen ist der erste Schritt, neue Chancen entdecken zu können. Das betrifft nicht nur eine Krankheit, wie in meinem Falle. Auch Herausforderungen, Konflikte und Probleme sind ‚getarnte’ Chancen. Es liegt an uns, ob wir diese Tarnung aufdecken möchten und die darunterliegenden Chancen ergreifen.

Mitgefühl als Führungskraft zu nutzen, bedeutet längst nicht, ausschließlich liebevoll und verständnisvoll zu sein. Mitgefühl im Sinne von emotionaler Selbstführung, bedeutet außerdem auch, klare Grenzen zu setzen, jedoch in der Sprache, in der es der andere versteht!“

Kommen auch Menschen zu Ihnen, die mit ihren Aggressionen nicht umgehen können?

„Die meisten Menschen haben verlernt, mit Aggressionen gesund umzugehen, insofern betrifft es auch meine Trainees, ja. Im Job schlucken sie Wut herunter. Vielleicht auch im privaten Umfeld. Da bleibt dann nur noch sogenannte Autoaggression – Aggression gegen sich selbst. Oder sie wird im privaten Umfeld ausgelebt – bei den Menschen, die meist nur zu einem kleinen Teil oder sogar gar nicht der Auslöser sind. Keine der Alternativen sind auf Dauer sinnvoll.

Wut ist eine tolle Energie, vorausgesetzt ich habe den Überdruck wie bereits genannt, ‚safe’ abgebaut, wo ich also keinen Schaden anrichte: z.B. ganz sanft beim Tai Chi oder stärker bei intensivem Sport. Hauptsache bewusst Druck ablassen. Darauf kommt es an.“

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