Auf dem Bild sind Fotos der vier Interviewpartner*innen zu sehen.
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„Ich hätte gern früher gelernt, wie ich mich verhalten kann, wenn mir beim Sex etwas nicht passt“

Obwohl Sex in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist, ist der Diskurs und der Austausch darüber immer noch stark tabuisiert. Was sie für guten Sex brauchen und mit welchen Stigmata in Bezug auf Sex wir als Gesellschaft noch brechen müssen, haben uns Maria Popov, Mel Joanna Bialas, Sara Benamara und Jamie Watson erzählt.

Ein erfülltes Sexleben sieht für jeden Menschen anders aus. Dominierende Vorstellungen in unserer Gesellschaft, wie vermeintlich „normaler“ Sex abläuft und wie oft Sex mit wem stattzufinden hat, können uns jedoch stark unter Druck setzen und an den eigenen Vorlieben zweifeln lassen – oder uns sogar dazu bringen, diese Vorlieben zu verstecken.

Auch unsere vier Gesprächspartner*innen mussten im Laufe ihres Lebens lernen, die Scham für den eigenen Körper und die eigene Sexualität abzulegen, um einen Zugang zu ihren sexuellen Wünschen und Grenzen zu finden. Maria Popov, Journalistin und Moderatorin, schämte sich lange Zeit für das Aussehen ihrer Vulva und für ihre Körperbehaarung; das hinderte sie daran, eine nachhaltige Beziehung zu ihrer Sexualität zu entwickeln. Die Videokünstlerin und Schauspielerin Mel Joanna Bialas berichtet über Erfahrungen mit Fetischisierungen aufgrund ihres trans Frau-Seins.

Für das Erotik-Model Sara Benamara bedeutet Nacktheit Freiheit. Rückblickend hätte sie gerne früher gelernt und verstanden, dass Nein sagen beim Sex völlig okay ist, wenn etwas für eine*n selbst nicht in Ordnung ist. Die Schauspielerin und Musikerin Jamie Watson wünscht sich von der Gesellschaft mehr Platz für die Sichtbarkeit von weiblicher Lust und für die Neugier, auch Sex mit anderen Geschlechtern auszuprobieren.

Maria Popov

Maria Popov ist 28, feministische Journalistin und eine Moderatorin, die nichts von vermeintlichen Tabus hält. Sie ist in Bulgarien geboren und in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Ihre Arbeit zeigt, dass Journalismus auch diskriminierungssensibel sein kann. Bei der KOOPERATIVE BERLIN ist sie Co-Leiterin und Moderatorin bei Auf Klo.

Foto: Auf Klo

Was findest du bei anderen Menschen anziehend?

„Ich achte auf die Ausstrahlung bei Menschen. Was genau ich mir dann herauspicke, ist je nach Person total unterschiedlich – das Lächeln, der Geruch, ein bestimmtes Muttermal oder wenn jemand meinem Blick standhält.“

Was ist dir wichtig bei Sex – und was brauchst du, um dich dabei wohlzufühlen?

Vertrauen und Gespräche über Konsens vorher und nachher. Ich mag es überhaupt nicht, wenn Sex eine schnelle Nummer sein soll – da hab ich lieber monatelang keinen Sex statt einen Quickie.“

Was verunsichert dich beim Thema Sex? 

„Ich habe mich lange für meine Vulva und meine Körperbehaarung geschämt – das hat maßgeblich meine Beziehung zu meiner Sexualität beeinflusst. Ich freue mich sehr, dass ich durch das Lernen über Schönheitsideale und Body Shaming diesen Selbsthass größtenteils ablegen konnte.“

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„Jedes Tabu, das mit Geschlechterrollen zu tun hat, ist toxisch für die Auseinandersetzung mit Sexualität.“

Maria Popov

Was hättest du gerne früher über Sex gewusst?

„So Vieles! Ich wünschte, ich hätte ganz früh gelernt, dass Asexualität keine Krankheit ist, dass Sex auch zwischen Menschen mit Vulven funktioniert, dass ein Orgasmus kein Indikator für guten Sex sein muss, dass Sex niemals wehtun soll, dass allein ich entscheiden darf, dass Sextoys und Selbstbefriedigung super Mittel sind, um meine Bedürfnisse kennenzulernen und und und.“

Was wünscht du dir von der Gesellschaft in Bezug auf Sex – und mit welchem Tabu müssen wir noch brechen?

„Jedes Tabu, das mit Geschlechterrollen zu tun hat, ist toxisch für die Auseinandersetzung mit Sexualität: Heteronormativität in der Sexualkunde, die Annahme, Männer müssen immer geil auf Sex sein, dass Frauen Schlampen sind, wenn sie zu viel oder prüde, wenn sie zu wenig Sex haben, dass Jungfräulichkeit existiert – alles Bullshit!“ 

Mel Joanna Bialas

Mel Joanna Bialas ist queere Videokünstlerin und Schauspielerin aus Köln. Sie ist an zahlreichen Theater- und Filmprojekten beteiligt. Mel Joanna beschäftigt sich mit Themen wie Gender, Sexualität und Körper und bearbeitet diese auch oft in ihren Arbeiten. Sie macht sich stark für die Stimmen queerer BiPOCs.

Foto: Mathilda Noelia

Was findest du bei anderen Menschen anziehend?

„Für mich spielt die Ausstrahlung einer Person eine große Rolle. Ich mag es, wenn sich jemand für bestimmte Themen interessiert, gerne darüber spricht und sogar ein richtiger Nerd auf diesem Gebiet ist. Besonders interessant und attraktiv wird eine Person für mich dann, wenn sie sich nicht davor scheut, Blickkontakt mit mir zu halten, sich ebenso für meine Person interessiert und einfach offen für Gespräche ist.

Es gibt für mich keinen größere Abturner, als Menschen, die nicht wissen, wie sie ein Gespräch führen sollen und nicht aus ihrer Komfortzone rauskommen.“

Was ist dir wichtig bei Sex – und was brauchst du, um dich dabei wohlzufühlen?

„Bei Sex ist mir auf jeden Fall wichtig, dass mir das Gefühl vermittelt wird: Alles kann sein und nichts muss. Es gab für mich schon oft Horrorszenarien, die ich gerne vermieden hätte und dennoch daraus lernen konnte. Sex sollte für beide Spaß machen, unabhängig davon, was für Kinks man hat. Von daher spielt offene Kommunikation eine große Rolle, ganz egal ob bei unverbindlichem Sex oder bei Sex in Beziehungen. Soweit der Vibe stimmt, ist der Sex meistens einfach gut und das ist das Wichtigste für mich. Und ohne Vorspiel geht für mich gar nichts.“

„Ich wünsche mir vor allem, dass Vorurteile und Stigmata aufhören. Als trans Frau bin ich nicht weniger wert oder weniger weiblich.“

Mel Joanna Bialas

Was verunsichert dich beim Sex?

„Vor ein paar Jahren hätte ich zu dieser Frage eine ewig lange Liste aufschreiben können. Inzwischen hat sich das zum Glück geändert. Dennoch gibt es auch heute noch einige Punkte, die mich verunsichern. Was mich wohl am meisten verunsichert, ist, wenn Leute mir vermitteln, mich nur ‚hart ficken‘ zu wollen oder wenn ich als Fetisch gesehen werde. Für mich ist das als trans Frau nichts Neues. Was mich bis heute verunsichert, ist, wenn vor allem Männer Anforderungen an mich haben, die ich rein logisch nicht erfüllen kann. Ich bin nun mal keine cis Frau, so what?

Ich fühle mich am unwohlsten und unsichersten, wenn Dinge nicht richtig kommuniziert werden. Wenn ich weiß, auf wen ich mich einlasse, dann kann ich mich besser darauf einstellen, was mich erwartet. Für mich selbst am schönsten ist es, wenn es während dem Sex zu Dingen kommt, die ich selbst nicht von mir erwartet habe, diese sich aber gut und richtig anfühlen. Wenn das Vertrauen da ist, traue ich mir selbst mehr zu und probiere mehr aus.“

Was hättest du gerne früher über Sex gewusst?

„Ich hätte gerne früher gewusst, dass Sex nicht immer gleich aussieht. Ich hab recht ‚spät‘ mit Dating angefangen. Dadurch haben mir andere ihr Liebes- und Sexleben stark vorgelebt. Ich hab mich in der Vergangenheit auch oft auf Dinge eingelassen, die ich gar nicht wollte. Ich hätte gerne gewusst, dass Sex nicht zwingend immer schlecht sein muss und dass Sex als queere Person nicht unbedingt immer so ‚sweet‘ ist wie bei manchen cis-hetero-Paaren.“

Was wünscht du dir von der Gesellschaft in Bezug auf Sex – und mit welchem Tabu müssen wir noch brechen?

„Ich wünsche mir vor allem, dass Vorurteile und Stigmata aufhören. Ich als trans Frau bin nicht weniger wert oder weniger weiblich. Ich musste feststellen, dass auch ich mich am Bild der heteronormativen Gesellschaft lange festgeklammert habe. Ich habe mich selbst lange nicht verstanden, wusste nur, dass Frauen Brüste und Vaginas haben, die ich mir am besten auch besorgen sollte, um ein Bild zu erfüllen, das andere sehen wollten. Nicht jede trans Person hat den gleichen Körper, die gleichen Geschlechtsteile, die gleiche OP hinter sich – wenn überhaupt OPs gewünscht werden. Und lasst nervige Fragen in die Richtung. Das echte Leben ist eben kein Porno.

Ich wünsche mir, dass queere Personen nicht auf ihr Aussehen reduziert werden, oder in eine Form gepresst werden, um dem Bild gerecht zu werden, das in der eigenen Community geprägt wird. Ich verstehe nicht, warum Personen ihr eigenes Schwulsein beispielsweise so sehr von sich weisen, dass sie die Femininität anderer verurteilen. Ein großer Wunsch meinerseits ist, dass Vorurteile innerhalb der queeren Community aufgebrochen werden. Wir werden eh schon von außen verurteilt, wieso also noch untereinander mehr Hass verbreiten?“

Sara Benamara

Sara Benamara ist in Deutschland in einer streng religiösen Familie groß geworden. Früh merkte sie jedoch, dass sie die religiösen Regeln für sich nicht nachvollziehen konnte und befreite sich Stück für Stück von gesellschaftlichen Konventionen, indem sie ihre Kleidung ablegte. Nacktheit bedeutet für Sara Freiheit. Seit 2017 arbeitet sie professionell als Erotik-Model. Aufgrund ihrer Erfahrungen von Sexismus und Rassismus in dieser Branche entschieden ihre Partnerin und sie sich dafür, eine eigene Model-Agentur zu gründen. 2019 zog Sara Benamara für dieses Projekt nach Paris.

Foto: Privat

Was findest du bei anderen Menschen anziehend ?

„Wenn ich Menschen beobachte, geht es um alle Details ihrer Person: Wie sie sich bewegen, wie sie sprechen, ihre Mimik oder wie sie lächeln. Deswegen kann ich mich auch nie richtig mit Bildern zufriedengeben. Sie sind für mich viel zu still und standhaft, um eine Person attraktiv finden zu können.

Doch das Wichtigste für mich ist, worüber die Leute sprechen und wie sie sich artikulieren.
Die physische Erscheinung ist im Vergleich zu dem, was die Leute denken, sehr unwichtig.“

Was ist dir wichtig beim Sex  – was brauchst du, um dich wohlzufühlen?

„Ich muss mich sehr wohlfühlen, um Intimität aufzubauen: Es ist sehr wichtig für mich, meine Fantasien auf das (Selbst-)Vertrauen meines*meiner Partner*in aufzubauen. Wenn mein*e Partner*in zu unsicher ist, fühle ich mich nicht gut genug, um mich völlig fallenzulassen. Ein gutes Gefühl zwischen verschieden Körpern beginnt mit Vertrauen untereinander und endet mit Vertrauen in sich selbst.

Aus diesem Grund bin ich auch kein großer Fan von One-Night-Stands. Sie bieten nicht das richtige Umfeld, um Vertrauen aufzubauen und sich gegenseitig zu entdecken.“

Was verunsichert dich beim Sex?

„Ich mag Rituale sehr gern. Ich sehe Sex als eine Art Zeremonie, ich bereite mich gerne vor und mache mich sehr lange fertig. Für mich beginnt der Sex, sobald ich mich schminke und ich meine Musik höre. All diese Details und Vorbereitungen sind auch mein Weg, um meine tiefen Ängste zu bekämpfen. Ich muss mich hübsch und frisch fühlen, andernfalls werde ich auch unsicher beim Sex. Vielleicht kann man sagen: An dieser Stelle gewinnt bei mir das Patriarchat.“

„Ich hätte mir gewünscht, dass ich früher gelernt hätte, wie ich mich verhalten kann, wenn mir beim Sex etwas nicht passt.“

Sara Benamara

Was hättest du gerne früher über Sex gewusst?

„Es ist okay, ,nein‘ zu Dingen zu sagen, die mir nicht gefallen. Ich bin der Meinung, dass wir viel mehr Aufklärung über das Thema Sex und den Umgang damit brauchen. Ich hätte mir gewünscht, dass ich früher gelernt hätte, wie ich mich verhalten kann, wenn mir beim Sex etwas nicht passt. Frauen werden leider so erzogen, stets für Harmonie zu sorgen und immer nett und lieb zu bleiben. Dies verunsichert vor allem junge Frauen in der eigenen Meinung und dem eigenen Verhalten. Ich weiß noch, wie oft ich nicht wusste, ob es okay ist, mittendrin abzubrechen. Das ist fatal.“

Was wünschst du dir von der Gesellschaft in Bezug auf Sex – und welche Tabus müssen wir brechen?

„Wichtig ist, dass wir aufhören, andere Menschen für ihre Vorlieben zu verurteilen! Es gibt Menschen das Gefühl, auf eine bestimmte Art und Weise sein zu müssen. Wir sind alle unterschiedlich und entwickeln uns alle in unterschiedlichen Rhythmen. Tabus können in dem Sinne positiv sein, dass sie uns schützen, bis wir uns bereit fühlen, weiter zu gehen. Giftig ist die Vorstellung, dass diese Tabus universell sein müssen und für jede*n gelten.“

Jamie Watson

Jamie Watson ist Schauspielerin und Musikerin aus Hamburg und queer-intersektional feministische Aktivistin. Ihre Superpower sieht sie in der Liebe – und in ihrem Antrieb, diese in die Welt zu tragen. 

Foto: Lynn Hertzner

Was findest du bei anderen Menschen anziehend? 

„Tolle Gespräche und einfach ein schöner zwischenmenschlicher Vibe. Für mich waren Äußerlichkeiten schon immer eher zweitrangig. Da konnten Menschen noch so gut aussehen, aber wenn da diese bestimmte Tiefe untereinander nicht vorhanden ist, fühl ich mich auch nicht angezogen.“

Was ist dir wichtig bei Sex – und was brauchst du, um dich dabei wohlzufühlen?

„Eine schöne zwischenmenschliche Beziehung ist für mich ausschlaggebend und das Gefühl, dass der Mensch ganz bei mir ist. Neben der Lust genieße ich die Nähe mit dem Menschen am meisten.“

Was verunsichert dich beim Thema Sex?  

„Ich lebe und genieße das Thema Sex sehr frei und mittlerweile auch ohne Unsicherheiten. Gespräche mit meinen Liebsten über das Thema Sex finde ich immer noch sehr aufregend.“ 

„Ich wünsche mir, dass wir in der Gesellschaft noch mehr Platz schaffen für die Lust der Frau und mehr Platz für die Neugier, auch Sex mit anderen Geschlechtern auszuprobieren.“

Jamie Watson

Was hättest du gerne früher über Sex gewusst?

„Ich hätte gerne früher gewusst, dass es beim Sex nicht nur um die Lust des*der Partners*Partnerin geht, sondern auch darum, meinen Körper wertzuschätzen, um mögliche persönliche Grenzen aufzuzeigen.“

Was wünscht du dir von der Gesellschaft in Bezug auf Sex – und mit welchem Tabu müssen wir noch brechen?

„Ich wünsche mir, dass wir in der Gesellschaft noch mehr Platz schaffen für die Lust der Frau und mehr Platz für die Neugier, auch Sex mit anderen Geschlechtern auszuprobieren, ohne sich eingrenzen oder in eine Schublade stecken zu lassen.“ 

Sex – Alles, was uns Lust macht.

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Sherin El Safty studiert in Bochum Islam- und Sozialwissenschaften. Ihre Themen bewegen sich vor allem im gesellschaftlichen und popkulturellen Bereich. Besonders interessieren sie die Themen Feminismus, Theater, Religion, Klassismus und Nahostpolitik. Mit anderen Nachwuchsjournalist*innen betreut sie derzeit das Insta-Projekt @journojobs, wo es spannende Interviews und Tipps für Nachwuchsjournalist*innen gibt.

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