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Oh ha! Das käme dabei raus, wenn Männer die Tipps aus Männermagazinen befolgen würden

Du brauchst mehr Bizeps, Junge! Männer stecken bisweilen genauso in Rollenklischees und der Optimierungsfalle fest – und bekommen Tipps, die ähnlich schlimm sind wie die Aufforderung zur Kohlsuppen-Diät.

 

Lässige Bärte und eiweissreiche Lebensmittel: Das beschäftigt also den „neuen Mann“?

Er setzt sich im Frankfurter Bahnhof auf den letzten freien Platz neben mir. Pellt sich aus seinem Parka mit Fellbesatz, bedankt sich höflich, dass ich meine Tasche für ihn vom Sitz nehme und vertieft sich, als der Zug wieder anfährt, in die Lektüre eines Magazins für Männer. Ich habe diese Hefte schon oft am Kiosk in den Regalen gesehen, aber noch nie habe ich ein Exemplar in freier Wildbahn erspäht, am lebenden Objekt sozusagen. Wer liest so etwas?

Neugierig mustere ich meinen neuen Sitznachbarn mit der gebotenen Diskretion: Grüne Jacke, blaues Jackett, Einstecktüchlein, akkurat gefaltet. Sein Knie zuckt stakkatoartig zu den Bässen, die aus seinen Kopfhörern zu mir herüber wummern. Irgendwo zwischen Ende 20 und Anfang 30 setzt dieser Mann, Sorte jung, dynamisch, erfolgsorientiert auf die Ratschläge einer Redaktion aus Hamburg.

Diese Tipps sind ja schlimmer als jede Anleitung zur Kohlsuppen-Diät!

Ich scanne die Headlines der Artikel, die im ehrgeizigen Lese-Tempo an mir vorbeifliegen.

Mit jeder umblätterten Seite steigert sich mein Entsetzen. Lässige Bärte für coole Typen. Haarstyling nach dem Sport. 100 eiweissreiche Lebensmittel. Mein Gott! Das ist ja noch schlimmer als die „so verlieren Sie 5 Kilo in 4 Tagen“-Kohlsuppen-Diäten von all den Lisas, Lauras und Frau im Spiegels dieser Welt!

„10 Übungen für richtig starke Arme.“ „Breite Brust in 8 Wochen.“ Ich habe noch nie so viele Muskeln an einem Menschen gesehen, höchstens bei den Chippendales! Brustmuskeln, Trizeps, Bizeps, Sixpack. Hier werden keine Männer angesprochen, sondern Maschinen! Und wenn sie nicht noch Sport treiben, dann schuften sie noch heute: „Bringt der Job Sie um?“ fragt die nächste Seite des Heftes. Möglicherweise braucht man gar keinen Beruf dafür, ich glaube, es reicht schon, dieses Magazin zu lesen!

Wie gruselig wäre eine Beziehung mit diesem durchoptimierten Mann?

Was passiert eigentlich, wenn ein solches Exemplar im ganz realen Leben auf eine ganz reale Frau trifft? Aber halt, vielleicht paaren sich die optimierten Magazinmenschen nur mit ihresgleichen und seine Gegenspielerin hat die Haare „in der neuen Trendfarbe Honigblond“ gefärbt, trägt den „angesagtesten Lippenstift der Saison“ und kann dank Pilates mit ihrem Arsch Nüsse knacken. Was für ein Paar, aber natürlich sind sie keins, man hält alles unverbindlich in der Multi-Optionsgesellschaft, in der jeden Abend jemand anderes ins Bett getindert werden kann. 

Nach einem flüchtigen Balz-Chat haben sie die durchschnittlichen 23,53 Minuten Sex. Ich bin sicher, auf den 100 Seiten Recyclingpapier findet sich auch hierfür die passende Anleitung. „Wie sie garantiert kommt.“ „5 heiße Kamasutra-Stellungen.“ „So hält ER länger durch.“ Hart. Härter. Am Härtesten. Der moderne Mann brennt, er ist hungrig, er will noch was erreichen, am besten heute und alles. Nach dem Höhepunkt (hierzu der Artikel: war ihr Orgasmus nur gespielt?) trennen sie sich wieder. Danach noch gepflegt ins Fitness Studio, Eiweißshake zum Nachtisch. Er schenkt sich im Spiegel ein zahnpastaweißes Lächeln und geht dann früh genug ins Bett, um am nächsten Morgen im Büro in Topform aufzulaufen.

Orientierungslosigkeit und Jogginghose? Nicht mit bei diesen Männern!

Studiumsabbruch, Orientierungsphasen, Jogginghosen-Samstag? Nicht mit ihm, er macht mit, er ist auf Kurs, Teil der Leistungsgesellschaft. So macht man das, immer schön flockig durch die Cordhose atmen, verstehste? Dazu Lederschuhe aus Italien, kann man sich leisten vom Gehalt als Junior Creative Director in Brand Experience. Und es zu zeigen ist längst keine Schande mehr, jeder darf’s sehen, hier strebt einer ganz nach oben.

Herbert, wo bist du, wenn man dich mal bräuchte? „Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht, außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht, wann ist ein Mann ein Mann?“ 

Mich erfasst eine Welle warmen Mitgefühls! Ich möchte meinem Sitznachbarn seine Kopfhörer vom wohlfrisierten Schopf pflücken, das Magazin in Stücke reißen, sein Einstecktüchlein aus dem Jacket rupfen und ihm sagen, dass die Zeit, in der er sich selbst bis zur mainstreamförmigen Unkenntlichkeit optimiert hat, sein LEBEN ist. Dass es okay ist, durchschnittlich zu sein, mal nicht zu wissen, wo man in fünf Jahren steht, den G-Punkt mehr zu suchen, als zu finden und Zuhause Filzpantoffeln zu tragen. 

Ehe ich diesen Impuls in die Tat umsetzen kann, hat er einen Blick auf seine Daniel Wellington am Handgelenk geworfen. Der Zug ist pünktlich, das hat er gern. Sorgsam verstaut er sein Heft in seiner Handtasche, zieht sich an und wartet artig im Gang. Er ist immer vorbereitet. Nichts trifft ihn unerwartet, er ist Herr der Lage, er hat alles im Griff. Oder ist es vielleicht andersrum? Und die ganze Welt hat ihn längst am Schlafittchen gepackt, am gebügelten Hemdkragen: die Anzeigenkunden, die Werbetexter, die Protein-Riegel-Hersteller?

Denn ein Magazin macht keinen Mann. Höchstens einen braven Konsumenten.

Dieser Beitrag erschien bereits auf hello mrs eve. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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