Foto: Laura Aziz | Unsplash

Wenn der Traum einer friedlichen Heimat Wirklichkeit wird – ein geflüchtetes Mädchen erzählt

Reem Sahwil wurde durch ihre Begegnung mit Angela Merkel im Sommer 2015 deutschlandweit bekannt. Nun hat die inzwischen 16-Jährige mit „Ich habe einen Traum. Als Flüchtlingskind in Deutschland“ ihre Autobiografie veröffentlicht.

Im Sommer 2015 war der öffentliche Diskurs in Deutschland vor allem von einem Thema geprägt: Zuwanderungszahlen, die Versorgung von Geflüchteten, die Verantwortung einer Wirtschaftmacht gegenüber Heimatlosen. Die jugendliche Reem Sahwil gab für viele den abstrakten Zahlen ein Gesicht. In einem Fernsehformat traf sie auf Angela Merkel und berührte mit ihrer Geschichte Menschen in ganz Deutschland.

Reem Sahwil kam 2010 über Hilfsorganisationen nach Deutschland. Aufgrund der mangelnden medizinischen Versorgung in dem Flüchtlingscamp, in dem ihre Familie zum Zeitpunkt ihrer Geburt lebte, trug Reem Sahwil eine 30-prozentige Lähmung davon. Erst nach ihrer Flucht nach Deutschland konnten die notwendigen Operationen durchgeführt werden, die es Reem Sahwil ermöglichten, Laufen zu lernen.

Nun hat die inzwischen 16-Jährige ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben. „Ich habe einen Traum. Als Flüchtlingskind in Deutschland“, heißt ihr autobiografisches Erstwerk. Es erzählt von der Geschichte ihrer Familie, ihrem Alltag im Libanon, der Flucht nach Deutschland und ihrem aktuellen Leben in Rostock. Es ist eine Geschichte von Integration, Heimatsuche und Dankbarkeit. Wir freuen uns, einen Auszug aus dem Buch teilen zu dürfen:

Der Traum einer Heimat

Haifa. Hier schimmert das Mittelmeer in seinem schönsten Azurblau. Breite Straßen sind von haushohen Palmen gesäumt. In üppig bewachsenen Gärten blühen rosa und knallpinke Oleander neben Oliven- und Orangenbäumen. Nirgendwo sind die Früchte saftiger oder die Datteln süßer. Auf den sattgrünen Wiesen der riesigen Parks spielen Kinder Fußball. Juden, Muslime, Christen – alle miteinander. Alles ist friedlich. Und alle sind glücklich.

Meine Uroma lehnt sich auf ihrer schmalen Bank zurück – gegen die hässlich graue Wand unseres Hauses. Mit ihrem verwaschenen Stofftaschentuch wischt sie sich eine Träne aus ihrem Gesicht. Es zerreißt mir jedes Mal das Herz, wenn ich die alte Dame weinen sehe. Etwas hilflos blicke ich zu ihr auf. In ihren faltigen Händen dreht sie den Schlüssel zu ihrem alten Zuhause. Diesen Schlüssel trägt sie immer bei sich. Jeden Morgen steckt sie ihn in ihr buntes Gewand mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie sich jeden Morgen ihr weißes Kopftuch umbindet – und das, obwohl sie ihr Haus in Haifa bereits vor über sechzig Jahren verlassen hat. Für mich ist das unvorstellbar lange her – unendlich lange bevor ich geboren wurde, sogar unendlich lange bevor meine Eltern geboren wurden. Ein anderes Leben. In einer anderen Zeit.

Das Versprechen einer Rückkehr

Doch für meine Uroma ist es, als hätte sie ihre Haustür erst gestern hinter sich zugezogen. Dieser Schlüssel in ihren Händen fühlt sich an wie ein Versprechen, das noch eingelöst werden muss: das Versprechen ihrer Rückkehr. Ich sitze zu ihren Füßen auf dem lehmigen Boden vor dem Haus, in dem ich mit meiner Familie lebe: mit meinen Eltern, zwei Onkeln und ihren Familien, einer unverheirateten Tante, einem unverheirateten  Onkel, Oma  und  Uroma  – insgesamt 24 Personen. Deshalb ist bei uns auch immer viel los. Natürlich. Immerhin sind wir vierzehn Kinder!

In diesem Moment stürmen einige meiner Cousins und Cousinen lachend aus der Haustür ins Freie, an Uroma und mir vorbei, ohne uns zu beachten. Sie sind mitten im Spiel: Fangen – definitiv eine der Lieblingsbeschäftigungen der Kinder hier im Lager. Meine Cousinen kreischen aufgeregt, und meine Cousins warten jedes Mal, bis der Fänger ganz dicht bei ihnen ist, um dann im letzten Moment zu entwischen. Dabei müssen sie sich in den verwinkelten Gassen immer wieder ducken, weil die Stromkabel, die wie bunte Girlanden sämtliche Häuser des Flüchtlingslagers miteinander verbinden, an manchen Stellen ziemlich tief hängen. Sehnsüchtig schaue ich ihnen hinterher – wie gerne würde ich mit ihnen herumtoben! […]

Die schönste Stadt der Welt

Ich höre, wie meine Uroma einen tiefen Atemzug nimmt. Und während sie mir über mein Haar streicht, beginnt sie wieder zu erzählen: Wie sie als Witwe in Haifa ganz friedlich in einer Reihenhauszeile mit drei Einheiten gelebt hat – links neben ihr Christen, in der Mitte meine Uroma, rechts eine jüdische Familie. »Alle Menschen waren gleich. Es gab kein Reich, es gab kein Arm. Die Religion war egal. Wir waren alle nur stolz, in Haifa zu wohnen. Für uns war es die schönste Stadt der Welt. Direkt am Meer.« Sie seufzt. »Ich wäre so gerne dort geblieben!« Wieder werden ihre Augen glasig.

Uroma wischt sich eine Träne weg, und ich streichle tröstend über ihr Bein. Dann lasse ich meinen Kopf wieder sinken und höre weiter zu, als meine Uroma wieder in ihren Erinnerungen versinkt, wie sie früher immer am Rande eines sprudelnden Brunnens gesessen hat. Zusammen mit Rachel, ihrer jüdischen Nachbarin.

Grenzenlose Freundschaft

Rachel war damals Uromas beste Freundin. Die beiden haben stundenlang zusammen Tee getrunken, gequatscht und gelacht. Politik hat die beiden Frauen überhaupt nicht interessiert. Natürlich haben sie mitbekommen, dass es in der Stadt Unruhen gab. Vor allem seit die UNO im Herbst 1947 beschlossen hatte, Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Sie wussten auch, dass Haifa demnach künftig zu Israel gehören sollte. Sogar von den Kämpfen, die neuerdings in der Stadt zwischen Arabern und Juden stattfanden, hatten die beiden gehört. Aber irgendwie dachten sie, das Ganze würde sie nichts angehen. Sie hofften, da würden sich ein paar Leute eine Weile streiten, wie es doch eigentlich schon immer in dieser Region gewesen war, aber danach würden in der schönen Hafenstadt wieder Ruhe und Frieden einkehren.

Doch leider haben sich meine arabische Uroma und ihre jüdische Freundin Rachel geirrt. Eines Morgens – ungefähr in der Mitte des Jahres 1948 – hämmerte es in der Frühe an Uromas Haustür. Bewaffnete Männer stürmten in ihr kleines Reihenhaus, bedrohten meine Uroma und forderten sie auf, sofort ihr Haus zu verlassen. Meine Uroma war völlig unvorbereitet. In aller Eile und unter den strengen Augen der aufgebrachten Männer stopfte sie schnell ein paar Kleider und ihren geliebten Messingmörser in eine Reisetasche. Anschließend verließ sie, immer bewacht von den fremden Männern, das Haus und schloss wie selbstverständlich die Haustür ab. Den Schlüssel steckte sie in ihr Gewand. Dann ist sie geflohen – ohne sich von Rachel zu verabschieden. Uroma dachte, sie und ihre Freundin würden sich ohnehin bald wiedersehen, und dann könnte sie ihr von diesem unglaublichen Vorfall erzählen. An ihrem sprudelnden Brunnen bei einer Tasse Tee. […]

Leben im Lager

Inzwischen leben wir in diesem Lager in der vierten Generation. Meine Eltern wurden hier geboren, auch sie haben als Kinder schon in diesen engen Gassen gespielt. Ohne einen einzigen Spielplatz, ohne grüne Wiesen. Es gibt nicht mal einen Baum in diesem Lager. Stattdessen ist alles trocken, laut und staubig. Obwohl ich es nie anders kennengelernt habe, finde ich unser Lager nicht schön. Ständig fällt der Strom aus. Manchmal gibt es kein Wasser. Alles wirkt schmutzig und verwahrlost. Allein die Menschen hier machen das Leben lebenswert und bunt. Und sie alle warten nur darauf, zurückkehren zu dürfen. In das Leben, das sie eigentlich leben sollten – in einer schönen Umgebung, in einem Haus, das man voller Stolz sein Zuhause nennt, in Sicherheit und mit einer Chance auf eine sorgenfreie und glückliche Zukunft. Ich seufze und schaue frustriert auf die graubraune Fassade des gegenüberliegenden Hauses, von der überall der Putz abbröckelt. Natürlich hat keiner Lust, dieses Lager schön zu machen. Dies ist nicht unser Zuhause! Auch wenn wir hier leben …

„Dies ist nicht unser Zuhause! Auch wenn wir hier leben …

In diesem Moment bemerke ich im Augenwinkel meine Lieblingscousine Doaa, die schnaufend auf uns zusteuert und sich neben mir auf den Boden plumpsen lässt. »Ich kann nicht mehr!«, stöhnt sie. Ihre Wangen sind gerötet, ihre Augen strahlen. Als plötzlich ein Mofa um die Ecke biegt und ganz dicht an uns vorbeiknattert, zucken wir erschreckt zusammen. Mein Vater und meine Onkel schimpfen jedes Mal, wenn sie das mitkriegen: Die Kerle sollen gefälligst auf die alte Frau und uns Kinder Rücksicht nehmen! Aber die jungen Männer  lachen bloß und brettern weiter. Meine Cousins und Cousinen kennen das schon und springen jedes Mal kreischend in Richtung Häuserwand. Es ist fast wie ein Spiel, das allerdings sofort vergessen ist, als ein Nachbarsjunge mit seinem neuen Fußball in unserer Gasse auftaucht. Aufgeregt schwirren ihm meine Cousins und Cousinen entgegen. Doaa reckt ihren Hals und rappelt sich dann auf, um zusammen mit den anderen den neuen Ball zu bestaunen.

Die Idee einer Heimat

Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. Mit einem Fußball kann ich wirklich überhaupt nichts anfangen. Stattdessen nehme ich vorsichtig Uromas Hand und streichle sie. Dabei fällt mir wieder auf, wie erstaunlich weich ihre Haut ist, obwohl sie so alt und faltig aussieht. Meine Uroma seufzt. Ich spüre ihren unendlichen Schmerz. Natürlich ahnt sie, dass sich ihr Traum von einer Rückkehr nach Haifa niemals mehr erfüllen wird. Deshalb umschließt sie meine beiden Hände und sieht mich beinahe bittend an: »Du musst Haifa in deinem Herzen behalten. Versprichst du mir das?« Ich nicke. Wie immer. Dabei spüre ich den harten Schlüssel auf meinem Handrücken. Uroma lächelt dankbar.

Obwohl bislang keiner außer ihr diese legendäre Stadt gesehen hat, tragen wir alle Uromas Bilder in uns. Haifa ist für uns ein Ort, in dem alle Weltreligionen friedlich zusammenleben, ein Ort, in dem es Kirchen, Synagogen und Moscheen  gibt. Ganz selbstverständlich. Und alles nebeneinander. Hier kann man sich Oliven von den Bäumen pflücken, und keiner muss hungern. In Haifa spielen die Kinder auf saftig grünen Wiesen und lernen in modern ausgestatteten Schulen. Es ist der Ort, in dem es für alle Menschen Arbeit und eine sichere gemeinsame Zukunft gibt. Haifa ist die Heimat unserer Herzen. Unsere Hoffnung. Unsere Hoffnung auf ein Zuhause.

„Aber so behielten wir alle die Hoffnung. Den Mut. Die Zuversicht. All das schenkte uns der Glaube an Haifa.“

Solange ich in dem Flüchtlingslager Wavel lebte, glaubte ich, Haifa sei unsere Zukunft – und hielt an diesem Traum fest, obwohl ich insgeheim längst begriffen hatte, dass er vermutlich niemals wahr werden würde. Aber dieser Traum war wichtig. Er machte unser Leben leichter. Er ließ uns hoffen. Hätten wir uns damit abgefunden, dass wir für alle Zeiten in Wavel leben müssten – als Flüchtlinge ohne Rechte, ohne eine Chance auf eine freie Berufswahl, auf Bildung und Krankenversorgung wäre unser Leben dem Tod gleichgekommen. Dann hätten wir alle nur darauf gewartet, dass es vergeht. Ein Tag wie der andere … Aber so behielten wir alle die Hoffnung. Den Mut. Die Zuversicht. All das schenkte uns der Glaube an Haifa.

Rostock – Zuhause ohne Olivenbäume

Meine Familie und ich hatten sogar besonders großes Glück. Wir durften die besondere Erfahrung machen: Haifa ist nicht nur ein Traum. Haifa ist möglich. Wenn auch an einem anderen Ort. Auch in Rostock stehen überall Bäume, und es gibt Parks, in denen die Kinder aller Weltreligionen friedlich miteinander spielen. Hindus, Juden, Christen und Moslems. Alle dürfen unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer Nationalität gemeinsam eine Schule besuchen und von einer Zukunft träumen, die sie gestalten können, wie sie wollen.

Natürlich ist Rostock nicht Haifa und die Ostsee nicht das Mittelmeer. Hier wachsen auch keine Olivenbäume – und wenn, dann tragen sie keine Früchte. Aber darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist: Wir haben hier in Rostock zum ersten Mal ein Zuhause gefunden. Ein friedliches, sicheres Zuhause. In dem ich davon träumen kann, Journalistin zu werden. Oder Schriftstellerin. Oder einfach nur ein glücklicher, freier Mensch. Ich möchte all das nie wieder aufgeben müssen.


Cover: Wilhelm Heyne Verlag

Reem Sahwil: „Ich habe einen Traum: Als Flüchtlingskind in Deutschland“, Wilhelm Heyne Verlag,  August 2017, 239 Seiten, 9,99 Euro.

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