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Keine Angst vor Feminismus!

Das Prinzip des Feminismus ist eigentlich ganz einfach: Alle Menschen, ob Männer oder Frauen, sollen genau die gleichen Rechte haben. Klingt gut, oder? Und dennoch hat der Feminismus einen wahnsinnig schlechten Ruf. Wieso?

 

Worum es im Feminismus nicht geht: Frauen sollen mehr Privilegien als Männer haben

Ganz am Anfang will ich direkt ein paar Sachen klarstellen: Feministinnen sind keine männerhassenden, sexuell frustrierten und wütenden Kampfweiber. Und Feministen sind keine Weicheier, die mit ihrer Freundin synchron menstruieren. Feministinnen und Feministen glauben auch nicht, dass Frauen im Vergleich zu Männern bestimmte Privilegien erfahren sollten – und sehen sie übrigens auch nicht als hilflose Opfer.

Dennoch: Kaum eine politische Bewegung wird so stigmatisiert wie der Feminismus. Und falls ihr jetzt denkt, dass nur Männer Stellung dagegen beziehen: falsch gedacht. Der schlimmste Beschuss ist ja immer auch der aus den eigenen Reihen. Frauen wie Eva Herman und Birgit Kelle sind Vorreiterinnen im Antifeminismus. Aber dazu später mehr.

Feminismus, was heißt das eigentlich?

Widmen wir uns doch noch einmal kurz der Definition und damit der Frage, was Feminismus eigentlich bedeutet. Auf Wikipedia findet man diese Definition:

„Feminismus (abgeleitet von lateinisch femina Frau und -ismus über französisch féminisme) bezeichnet sowohl eine akademische als auch eine politische Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus eintritt.“

Genau so definiere ich Feminismus für mich auch. Es geht um die Gleichstellung der Frau, die definitiv noch nicht erreicht ist. Eigentlich müsste man hier sagen: Hey, das ist doch ne super Sache! Stattdessen gibt es Bücher wie „Das Eva Prinzip“ (Eva Herman) oder „GenderGaga: Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will“ (Birgit Kelle) – von Frauen verfasst, wohlgemerkt! – die suggerieren, dass sich Feminismus irgendwo zwischen eitlem Wahn, Luxusproblemen, Männerhass und Korinthenkackerei bewegt. In deren Verständnis geht es dabei lediglich um Ampelmännchen, Sprache und Leute, die sich morgens beim Aufstehen überlegen: „Och eigentlich könnte ich jetzt mal mein Geschlecht ändern“. 

¯\_(ツ)_/¯

NEIN, FEMINISMUS BEDEUTET NICHT, MÄNNER ABZUWERTEN

So weit, so absurd. Wenn man jedoch das eigentliche Wesen des Feminismus betrachtet – also einfach gleiche Chancen und Möglichkeiten für alle(!) Geschlechter – da frage ich mich schon, wie man dagegen sein kann. Es gibt sogar richtige groß aufgeblasene Aktionen, wie zum Beispiel „Women Against Feminism„. Ja, so habe ich auch geguckt. Dort findet man dann solche Postings:

Quelle: Women Against Feminism

Puh, Lady. Nichts verstanden. Feministinnen respektieren Männer nicht weniger als Frauen. Gerade Feministinnen sehen das Frausein nicht als Nachteil. Auch nicht als Vorteil. Es ist einfach so. Wie Atmen. Herzschlag. Hirnströme. Einfach da. Feministinnen haben ebenfalls eigene Meinungen. Sie sind genau so verantwortungsbewusst wie jeder andere Mensch auch. Und: Feministinnen fühlen sich nicht als Opfer. 

Der Feminismus möchte Frauen nicht stärker machen – wir sind stark. Und wir wissen das. Das Einzige, das der Feminismus hier möchte ist, dass das alle sehen. Dass die Gesellschaft sieht: Hey, wir sind genau so stark wie Männer. Und hey, meine Transgender Freundinnen und Freunde auch, wenn wir schon dabei sind. 

Wir möchten keine Männer abwerten und sie auch nicht bestrafen. Es geht darum, dieses elendige Vergleichen zu beenden. Dass in gewissen Sachen einfach nicht mehr zwischen Mann und Frau unterschieden wird. Das geht im Job in Punkto Bezahlung und Verantwortung los, in der Familienpolitik weiter (Stichpunkt: Berufstätige Mütter) und erstreckt sich dann noch hinein in das gesellschaftliche Leben (Stichwort: Übersexualisierung der Frau, Sexismus und Co.).

Feminismus bedeutet nicht, nackt durch die Straße rennen und BHs zu verbrennen, Kaffeebecher mit „Male Tears“ zu sammeln und sich komplett mit Körperbehaarung zuwuchern zu lassen. Und auch ich kriege die Krise, wenn ich Alice Schwarzer sehe – eben weil ich sie tatsächlich im Verdacht habe, eine männerfeindliche Einstellungen zu haben. Während sie früher irre wichtig für die Frauenbewegung war, schadet sie ihr mittlerweile eher durch ihre veralteten und abwertenden Ansichten.

Ja, wir haben eine Kanzlerin – aber reicht das schon?

Es
gibt viele Menschen die der Meinung sind, dass wir keinen Feminismus mehr
brauchen. Dass die Frauen schon gleichgestellt sind. Die Patriarchie gilt als
abgeschafft: Wir können wählen, öffentliche Ämter bekleiden und hey – wir haben
eine Kanzlerin! Doch wenn das alles so gilt: Wieso gibt es immer noch
die berühmt berüchtigte Gehaltslücke (Gender Pay Gap)? Und wieso wird erwartet,
dass die Frau nach der Geburt zu Hause bleibt? Dass sie nach der Heirat den
Namen des Mannes annimmt? Dass die Frau nach einer Trennung ganz
selbstverständlich die Kinder nimmt, und wenn diese aus Gründen, die uns mal
gar nichts angehen, beim Vater bleiben, die Frau als Rabenmutter oder kalt und
herzlos gilt?

Ich
meine: Was bedeutet das auch für das Bild, das wir von Männern haben? Dass sie
nicht leiden, wenn sie ihre Kinder nach der Trennung bei der Mutter lassen?
Dass sie nicht ebenfalls lieben? Vermissen? Weil sie Männer sind? Weil sie
kalt und herzlos sind? Wieso ist das Sexualstrafrecht so lasch? Wieso gab es
damals Abgeordnete der Bundesregierung, die gegen die Gesetzesänderung
stimmten, Vergewaltigung in der Ehe strafbar zu machen? Wieso werden Frauen
beschuldigt, an Vergewaltigungen Mitschuld zu haben (zu sexy Kleidung, nachts
allein nach Hause laufen, es sich vor dem Sex anders überlegen, obwohl man den
Typen schon heiß gemacht hat)? Wieso gibt es noch so viel sexuelle Belästigung
im Job?

Wir haben schon viel erreicht – aber es gibt noch immer viel zu tun!

Wir haben schon viel erreicht, ja – aber das wäre ohne den Feminismus nicht möglich gewesen. Und so viel Glück ich habe, hier als selbstbestimmte Frau in Deutschland leben und diesen Blogbeitrag schreiben zu können, gibt es Millionen Frauen auf der Welt, die das nicht können. Unerwünschte Mädchen werden nach der Geburt getötet, jeden Tag stehen Kinderbräute vor Altären und heiraten fremde, ältere Männer, irgendwo werden gerade tausende schreiende Mädchen festgehalten, während ihnen ihre Genitalien rituell beschnitten und damit verstümmelt werden. Männliche Familienmitglieder bestimmen, wie sie reden, mit wem sie reden, was sie anziehen und wohin sie gehen. Und in vielen Ländern gilt die Geburt eines Mädchens regelrecht als Schande. Man schaue nur nach China.

Feminismus bedeutet einfach Menschlichkeit. Männer, Frauen und auch andere Geschlechter sollen gleich behandelt werden – nicht, weil wir als Frauen oder Transgender irgendwie besser sind, sondern weil wir Menschen sind. Und: Alle Menschen sind gleich.

Wieso wir auch über Ampelmännchen/-frauen reden müssen 

Wenn man so privilegiert lebt wie wir, vergisst man oft das Gesamtbild. Diese oben genannten Frauen brauchen den Feminismus. Sie brauchen ihn sogar sowas von dringend! Feminismus bedeutet nicht einfach, darüber zu diskutieren, ob es neben Ampelmännchen auch Ampelfrauen geben soll – doch auch diese Diskurse gehören dazu. Es mag kleinlich wirken, ein Luxusproblem. Aber wenn das so unwichtig ist, wieso verschwenden dann die Gegner dieser Ideen so viel Zeit und Energie darauf, gegen Ampelfrauen Position zu beziehen? Wieso wird da so ein Politikum draus gemacht, statt zu sagen: Cool, dann gibt es eben auch Ampelfrauen. Wo ist das Problem dabei, wenn es dieses veraltete Denken doch gar nicht mehr gibt?

Eben.

Jeden Tag werden Menschen wegen ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert. Und fast jeder Mensch wird mindestens einmal im Leben Opfer von Sexismus oder sexueller Gewalt. Das lässt sich nicht weglachen und auch ein genervtes Augenrollen ändert das nicht. Es ist immer noch so. Deshalb: Ja, wir brauchen den Feminismus. Und ja, wir müssen über Ampelfrauen sprechen.

-Innen, _Innen, /Innen? Die gegenderte Sprache 

Ja, das Gendern der Sprache hat mich zu Beginn auch verwirrt. Und ich tat mich schwer, das zu übernehmen – tue es bisweilen immer noch. Wenn ich darüber nachdenke, sehe ich, dass es mir schwerfällt, weil es so ungewohnt ist. Einen

echten Grund gibt es nicht. Und vielleicht fragt ihr euch: Uff, was soll das überhaupt bringen?

Nun, Sprache ist ein Werkzeug. Schauen wir uns Hitlers politische Reden und Pamphlete an sehen wir, wie gezielt er Sprache benutzt hat, um das Denken einer ganzen Nation zu beeinflussen. Sprache formt Denken. Sprache schafft Bewusstsein. Wenn ich also schreibe: „Ich finde, alle Ärzte sollen für die gleiche Arbeit das gleiche Gehalt bekommen“, habe ich sofort eine Gruppe Männer in weißen Kitteln im Kopf. Wenn man hingegen schreibt „Ärzte und Ärztinnen“ oder „Ärzt_innen“ , wird mir sofort bewusst, dass auch Frauen angesprochen und inkludiert sind. Und darum soll es ja gehen: Inklusion, oder nicht? Ist doch ganz einfach.

Es gibt nicht

„den“ Feminismus

Hier will ich auch nochmal zurück zu Alice Schwarzer gehen. Irgendwie ist die Meinung verbreitet, dass wir Feministinnen allem zustimmen, das unter dem Label „Feminismus“ läuft. Als die Emma nach dem Germanwings-Absturz eine Frauenquote im Cockpit forderte, dachte ich auch nur: „Oh mein Gott“. Übrigens: Ich mag die Emma gar nicht. Wir Feministinnen sind eigenständig denkende Menschen. Wenn eine Frau, die sich als Feministin versteht, loszieht und einem Mann eine auf’s Maul gibt und das als feministische Aktion sieht, finde ich das genau so scheiße wie Nicht-Feministen und -Feministinnen. Ganz wunderbar finde ich hier ein Zitat von Svenja Gräfen:

„Den“
Feminismus gibt es gar nicht. Es ist nicht so, dass man einen
Alice-Schwarzer-Vertrag mit lebenslanger Laufzeit unterschreiben muss, und wir
sind auch nicht alle bei Femen mit dabei.

Feminismus ist nicht Alice Schwarzer. Wenn ihr euch wirklich mit dem Thema auseinandersetzen möchtet, schaut doch mal, was die neue Generation an Feministinnen und Feministen zu sagen hat. Lest doch mal die Texte von Anne Wizorek. Schaut euch an, was Laurie Penny zu sagen hat. Lest Kübra Gümüsay. Hört Emma Watson zu, die eine großartige Rede vor der UN hielt:

Feminismus und Gleichberechtigung sind Themen, die uns alle angehen. Denn: Wenn wir uns dafür einsetzen, alle Menschen gleich zu behandeln, profitiert auch ihr Jungs davon. Auch Männer leiden unter dem Druck der Stereotypien. Männer weinen nicht. Männer müssen im Job 150 Prozent geben und wenn ein Mann lieber zu Hause bei den Kids bleibt, statt Karriere zu machen, gilt er als Versager. Jungs spielen nicht mit Puppen. Die Liste ist endlos.

Dem Feminismus geht es um Freiheit für alle Geschlechter – und das ist etwas Gutes. Daher: Habt keine Angst vor Feminismus. Er ist euer Freund.

Dieser Text erschien zuerst auf www.lavievagabonde.de. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können.

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