Foto: Eye of Ebony | Unsplash

Wenn ein Traum platzt: Wieso der Kopf recht haben und das Herz dennoch trauern kann

Unsere Community-Autorin Jennifer musste dieses Jahr eine schwere Entscheidung treffen. Letztendlich hat sie dabei auf ihren Kopf gehört — und musste erkennen, dass das Herz manchmal einfach nicht versteht, warum Träume scheitern müssen.

 

Mit Herz und Verstand

Im Leben muss man manchmal Entscheidungen treffen. Manche kann man aus dem Bauch heraus treffen, manche sind völlig klar und fallen kaum ins Gewicht und dann gibt es ein paar sehr schwere, solche über die man gründlich nachdenken muss, Pro und Contra gegeneinander aufwiegen und irgendwann dann eine Entscheidung treffen.

Es gibt Entscheidungen, die trifft man einfach nur mit dem Bauch oder nur mit dem Herzen. Verliebt sein, da sagt das Herz einfach „Der da isses!“ und dann ist das so. Man hat zwei Jobangebote zur Auswahl und bei dem einen grummelt der Bauch ein wenig und bei dem anderen macht er Purzelbäume und Radschläge. Es scheint auch da auf der Hand zu liegen, welchen Weg man einschlagen sollte.

Und dann gibt es noch die großen, schweren Entscheidungen, die uns nachhaltig beschäftigen. Auch noch lange nachdem wir die Entscheidung getroffen haben, fragen wir uns: War es die richtige Entscheidung? Es sind oftmals Vernunftentscheidungen, die unser Herz so lange beschäftigen. Solche, die wir rein denklogisch und auf Grundlage von rationalen Argumenten getroffen haben.  Wenn der Kopf und die Vernunft diese Entscheidung für richtig befunden haben, das Herz aber nicht derselben Meinung war und lieber anders gehandelt hätte.

Mein großer Traum, zum greifen nah

Ich hatte da so eine Entscheidung in diesem Jahr. Jahrelang habe ich auf meinen  einen großen Traum hingearbeitet. Ich wollte so unbedingt nach meinem Jurastudium noch einen internationalen Master Abschluss in den USA machen. Ich habe mich Ewigkeiten auf die Bewerbungen an den amerikanischen Lawschools vorbereitet und sie dann, als der Zeitpunkt gekommen war, abgeschickt. Darauf folgte wochenlanges Warten auf die ersten Rückmeldungen. Ich war tatsächlich an sieben amerikanischen Lawschools angenommen worden. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Es schien, als würde mein großer Traum wirklich in Erfüllung gehen. Ich war die glücklichste Jurastudentin auf dieser Welt.

Ich schrieb Listen über Kosten, Ansehen und Ranking der jeweiligen Unis und entschied mich letztendlich für eine Elite-Uni in Kalifornien. Sie hatte einen unfassbar guten Ruf und als Absolventin dieser Uni würden einem so einige Türen in dieser Welt offen stehen. Soweit, so gut. 

Es wurde bürokratisch und die Vorbereitung auf den mindestens einjährigen Auslandsaufenthalt nahmen unvorhersehbare Größen an. Soviel musste bedacht werden, so vieles organisiert. Alleine zur US-Botschaft zu fahren, um das Visum zu bekommen, war ein wahnsinniger Akt. Zumal ich all das mit meinen drei Kindern vorhatte. Die Uni fand das toll, erzählten mir von ihren Family-Housing Möglichkeiten und schlugen mir diverse andere Wohnorte vor, wo man mit Kindern schön wohnen und leben könnte. Ich habe alles, absolut alles geplant: Wo wir wohnen würden, wie mein Uniweg sein würde, welche Schulen gut für die Kinder wären, wie wir uns finanzieren, wie die erste Woche in den USA ablaufen würde… Alles war geplant. Wir flogen los. Wir vier. Was für ein Abenteuer.

Wir waren so voller Begeisterung, das wir die Freude kam aushielten.

Endlich angekommen

Nach vielen Stunden im Flugzeug waren wir mit unseren Koffern in den USA angelangt und fielen in unser Hotel ein. Ich meldete mich an der Uni an, habe meinen Stundenplan erstellt, ein Konto eröffnet, Handyverträge abgeschlossen, nach Wohnungen gesucht, Schulen angesehen und mit anderen Eltern über die Schulen gesprochen. Was man eben so macht.

Leider hatten wir wenig Glück mit den Wohnungen. Zwar gab es in unserem Ort einige tolle WOhnungen in unserem Budget, jedoch scheiterte es immer daran, dass wir keine amerikanische Sozialversicherungsnummer vorweisen konnten. Anhand derer können Vermieter überprüfen, ob wir finanziell abgesichtert waren. Die Versicherungen der Uni reichten keinem Vermieter aus. 

Mit der Zeit überkam mich die Angst. Was wenn wir keine Wohnung finden würden? Können wir uns ein Jahr im Hotel leisten? Und wenn, kann ich uns das zumuten? Dürfen die Kinder dann hier in die Schule?

Ein Ultimatum

Nach einer sehr emotionalen Zeit, in der ich von den Vermietern eine Absage nach der nächsten bekam, setzte ich mir irgendwann eine Deadline. Wenn bis zu dem Tag, an dem ich die horrenden Studiengebühren überweisen musste – immerhin mehrere zehntausende Dollar – noch keine Wohnung in Aussicht habe, würde ich meinen Traum abbrechen. Denn, einmal bezahlt, erhält man die Studiengebühren nicht mehr zurück. Selbst wenn man nach einer Woche das Studium abbricht.

Was für ein Risiko. Mich und somit die Kinder über mehrere zehntausend Euro zu verschulden — für nichts? Das machte mir ein ganz schlimmes Bauchgrummeln. Für einen Abschluss, mit dem ich hinterher gutes Geld verdienen würde, konnte ich das hinnehmen. Aber was, wenn die Wohnungssuche dem im Weg stehen würde?

Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Selbst wenn wir ein Jahr
Hotelleben überleben würden und ich mit einem Abschluss aus dieser Lage
herausgekommen wäre — was, wenn die Kinder keinen Schulplatz bekommen würden? Würden wir unter diesen extremen Bedingungen überhaupt glücklich werden?

Nicht alles ist planbar

Wir wollte ein Jahr, das mir einen tollen weiteren Abschluss bringt und den Kindern ein tolles Jahr im Ausland. Natürlich war mir klar, dass es hart werden würde. Natürlich hatte ich die Wohnsituation auch im Vorfeld bedacht. Aber alle Anfragen aus Deutschland wurden von den Vermietern abgewunken: Wir sollten doch erstmal in den USA ankommen und dann vor Ort schauen. Die Uni hatte mit keinem Wort erwähnt, wie schwer es ohne Sozialversicherungsnummer wäre, eine Wohnung zu finden. Vielleicht gab es
jemanden, der mir all das vorher hätte sagen können, aber ich habe ihn oder sie nicht gesprochen.

Nach all den Emotionen, den Wohnungsbesichtigungen, Uni-Terminen und ersten Entdeckungen im vermeintlich neuen Zuhause kam also die Deadline näher — und immer noch fand sich keine Wohnung. Also mussten wir Nägel mit Köpfen machen. Und was soll ich sagen, es fühlte sich gut und richtig an. Gut, weil eine Entscheidung getroffen wurde und dieser schwebende Wartezustand
endlich endete. Endlich hatten wir eine klare Richtung und wussten, was als Nächstes kommen würde. Richtig, weil es eben nach allen Abwägungen die einzig richtige, am wenigsten riskante Entscheidung war. Und für die Kinder das Beste. Ich hatte eine durchweg richtige, vernünftige Entscheidung getroffen.

Das Herz weint und schreit

Doch nach ein paar Wochen meldete sich mein Herz zu Wort. Nachdem wir nun den Jetlag ein zweites Mal überstanden hatten, gefühlte tausend Mal von unseren Erlebnissen erzählt hatten und sich leise wieder der Alltag  in unser Leben mogelte — ja, da meldete sich mein Herz. Anfangs leise und zaghaft, doch
als ich genau zuhörte, wurde es immer lauter. Es weinte und schrie und war am Boden zerstört. 

Mein Traum war geplatzt. Ich war gescheitert. Das was ich immer erreichen wollte, war nun außer Reichweite und weiter entfernt als jemals zuvor. Mein Herz war traurig und voller Schmerz darüber, dass ich abbrechen musste.

Und ja, in jedem Moment ist mir bewusst, dass diese Entscheidung richtig war. So sind meine Kinder nun in ihre alten Klassen zurück gekommen, meine Jüngste konnte hier in Deutschland eingeschult werden, wir haben eine großartige, tolle Altbauwohnung, zwei Autos und alles ist sicher und mir bekannt. Keine Geldschulden, eine tolle Stelle in Aussicht — aber!

Nur weil es richtig ist, muss es sich nicht gut anfühlen

Aber mein Herz schmerzt. Es tut so weh. Egal wie richtig und wohl durchdacht und logisch nachvollziehbar diese Entscheidung war, das Herz versteht sie nicht. Braucht es auch nicht, denn das Herz ist nicht rational. Es ist emotional und das ist gut so. Man kann sich lieben und dennoch wäre es besser keine Beziehung miteinander zu führen. Rational ist es richtig, emotional zerfrisst es einen. 
So in etwa geht es mir auch. 

Mein Kopf rechtfertigt sich nach wie vor, erklärt sich tausendfach und immer wieder sagt das Herz „Ja man, du hast ja recht!“ Und doch, es ist traurig und kraftlos. Es ist schwer, Dinge rational zu betrachten, die einem so viel bedeuten. Das zu können ist sicherlich eine Stärke, auch wenn es mich gerade unglaublich schwach macht.

Was da hilft? Das weiß ich noch nicht so genau. Momentan mache ich einfach jeden Tag weiter. Manchmal sitze ich irgendwo und frage mich nach dem Sinn. Manchmal weine ich bittere, dicke Tränen, weil mir wieder klar wird, dass sich mein Traum nicht erfüllen wird. Aber am nächsten Morgen stehe ich auf und mache weiter. Den einen Tag geht es gut, den anderen nicht. Eines Tages
wird es besser hoffe ich. Wie nach einer Trennung eben.


Mehr bei Edition F

Ein einfacher Trick, um bei schwierigen Entscheidungen die richtige Wahl zu treffen. Weiterlesen

REDAKTION

Désirée Vach: „Lieber sollte man an Sachen scheitern oder verzweifeln, als sie nie probiert zu haben.“ Weiterlesen

Wieso es sich lohnt, eure Angst zu vergessen und große Pläne zu haben. Weiterlesen

+ posts

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.