Foto: Menerva Hammad

Liebe Mütter, vergesst euch selbst nicht!

Als Mutter hat man nicht einmal Zeit in der Nase zu bohren. Wie soll man dann erst seiner Leidenschaft weiter nachgehen und zum Beispiel einen Blog schreiben? Es geht – auch wenn man dafür lernen muss mit Instagram klarzukommen.

Wie alles begann …

Es war der erste Abend, an dem ich meine Tochter nicht mitgenommen habe. „Geh und triff deine Freunde, du brauchst mal eine Auszeit, ich passe gerne auf”, sagte meine Mutter zu mir. Ich war dankbar für das Angebot. Es war schon Monate her, dass ich mich das letzte Mal schick gemacht hatte, High Heels trug und alleine aus dem Haus ging. Herrlich! Es tat auch gut die Mädels wieder zu sehen.

Nach dem Essen saßen wir noch da und tratschten. Eine meiner Freundinnen sah mich an und fragte neugierig: „Wann schreibst du wieder etwas? Ich vermisse deinen Witz, deine Worte, kommt jetzt nix mehr?” Ich habe damals einen Schmerz gespürt, den ich nicht gut beschreiben kann. Schreiben ist das einzige, was ich kann. Ich habe damit mein Geld verdient. Ich hatte immer Zeit dafür, aber nun, als frischgebackene Mutter, habe ich nicht einmal mehr Zeit um in der Nase zu bohren. „Ich denke, da kommt jetzt nix mehr, nein.”, sagte ich und versuchte das Thema zu wechseln. Meine Freundin aber beharrte darauf: „Du kannst doch nicht einfach aufhören. Was wird aus deinem Buch? Was wird aus deinem Aktivismus für Musliminnen in Österreich? Was wird aus dir?”

Ich habe mich übers Schreiben definiert

Danke für das Salz in meiner Wunde, dachte ich mir, lächelte und sagte: „Ich bin jetzt Mutter.” „Na und?”, kam von ihr ganz salopp und ich war kurz davor meine Nerven zu verlieren: „Hör´ mal, das ist nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Schreiben braucht Zeit, viel Zeit, Lust und einen freien Kopf. Mein Kopf ist grad alles andere als frei. Können wir bitte das Thema wechseln? BITTE?!” Sie sah mich an und sagte selbstbewusst: „Wenn ich dich im Fernsehen gesehen habe, war ich stolz darauf, deine Freundin zu sein. Du hast den Burkini wieder zum Trend gemacht und warst damit auf einem Magazin-Cover! Du bist auch eine tolle Mutter, das weiß ich. Aber wo ist deine Passion zum Schreiben geblieben?” Stille. Lange Stille.

Auf dem Heimweg saß ich in der Straßenbahn, lehnte meinen Kopf gegen die Fensterscheibe und dachte über mein Leben nach. Passion, ja, wo war sie denn bloß geblieben? Irgendwo zwischen Windeln und Beißringen verschwunden, vermutete ich. Die Worte meiner Freundin haben mich wahrscheinlich so sehr getroffen, weil sie wahr sind. Ich hatte früher schon einmal einen Blog, auf dem ich meine Gedanken veröffentlicht habe. Aber dieser hat kläglich versagt.

Endlich ein Herzensthema

Ich habe Freunde, Verwandte und Bekannte auf Facebook dazu genötigt die Seite zu liken, zu teilen und zu lesen. Ich denke damals haben mich sogar einige gelöscht, so genervt waren sie von mir. Ich hatte kein spezifisches Thema und genau das war mein Problem, neben der Unfähigkeit mit der Technologie zurechtzukommen. Außerdem, wer würde das schon lesen wollen, was ich schreibe? Ich schreibe weder über Mode oder Make-up, noch über einen veganen Lifestyle, also bin ich uninteressant für alle Menschen.

„Nicht für alle Menschen. Mütter würden dich gerne lesen. Ich bin Mutter und ich lach mich immer kaputt, wenn du mir von deinem Alltag  mit deiner Tochter erzählst. Schreib doch darüber”, riet mir eine Freundin. Gut, dann hätte ich schon einmal ein konkretes Thema: Mamasein. Nicht, dass ich eine allwissende Expertin bin, aber meine Tochter ist noch am Leben, ihr geht es gut.

Und was soll das Ziel sein? Unterhaltung, aber auch Information. Ja, das gefällt mir. „Du musst aber auf jeden Fall auch einen Instagram-Account haben für deinen Blog, das ist jetzt trendy, ohne den brauchst du gar nicht anfangen”, erzählt mir eine andere Freundin, die ein richtiger Social-Media-Freak ist.

The World of Instagram

Ich habe irgendwann schon einmal einen Instagram-Account erstellt: elf Beiträge und fünf Follower. Ich habe mich nie für Instagram begeistert, weil ich mich damit nicht auskannte. Wieso um alles auf der Welt soll ich Fotos aus meinem Leben posten? Für wen? Wen interessiert das, was ich gegessen habe, oder wie ich morgens im Bett beim Frühstücken aussehe? Als Mutter ist Frühstück im Bett sowieso eher eine Traumvorstellung … Und warum um alles in der Welt muss man dabei seine Beine zeigen? Und wer ist das arme Schwein, das über meinen Kopf steht und den Blödsinn fotografieren muss?

Aber okay, wenn ich dadurch zu mehr Lesern kommen konnte, wollte ich es probieren. Ich habe angefangen, Instagrammütter zu beobachten und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: Sie ALLE lieben Yoga, haben ein Home-Office mit schönen Blumen am Schreibtisch, eingerahmte Sprüche an der Wand, sehen aus wie Fitnesstrainerinnen (oder sind sogar welche) und können perfektgeschnittene Avocadoscheiben auf einer Scheibe Brot anrichten. Sie schneiden Drachenfrucht in Sternform auf ihr Müsli und sind tolle Fotografinnen, die ganz nebenbei auch das Muttersein meistern – und all das, natürlich, mit perfekter Frisur.

Das ist noch nicht alles: einige von ihnen posten jede Stunde ein Foto, oder eine sogenannte Story und das jeden Tag.

Mein Instagram:

Ich kann kein Yoga. Zwischen Yoga und mir gibt es kein Namaste. Wir verstehen einander einfach nicht, weil ich nicht gelenkig bin und man während dem Yoga nicht reden sollte – tja, damit hat mich Yoga schon verloren. Ich habe zwar eine Yogamatte, aber auf der liege ich am Strand und lass mich sonnen. Also ist es meine #YogaSonnenMatte. Mein Home Office ist mein Bett, oder unser Esstisch, der nicht mit frisch gepflückten Blumen, sondern mit Windeln (manchmal halbvoll) und Spielzeug geschmückt ist. Ich mag keine Avocados. Ich finde nicht, dass diese auf Brot schmecken. Wenn ich sie kaufe, dann kommen sie in den Salat und der Kern in die Erde. Wir haben schon zwei Avocadopflanzen: Elma und Luise.

Ich liebe exotisches Obst, ich liebe fotografieren, aber bevor ich Obst in Förmchen schneide, esse ich es lieber gleich. Ich würde niemals behaupten, ich sei Fotografin, nur weil ich im Besitz einer Kamera bin. Ich traue mich kaum zu sagen, dass ich Journalistin bin. Ich sehe mich eher als jemand, der gerne schreibt und damit eben sein Geld verdient. Auch meine Haare sitzen nicht so, wie sie sollten – NIE!!! Wenn ich kein Kopftuch tragen würde, wäre mein zweiter Name Struwwelpetra. Und hier hat mich folgender Gedanke gepackt: Welches Mutterbild soll mein Instagram-Account spiegeln? Mache ich bei diesem Eine-Mutter-muss alles-können-Marathon mit? Nein!

Das Bild vieler Mütter auf Instagram ist nicht jenes, das ich meinen Lesern vermitteln möchte. Ich finde es nicht (immer) echt. Ich habe mich dazu entschieden einen neuen Blog zu starten und auch auf Instagram etwas mehr Life als Style zu posten. Ich möchte damit niemandem zu nahe treten, mir ist schon klar, dass man niemandem folgen möchte, der ein „gewöhnliches” Leben hat, immerhin ist ja das eigene schon gewöhnlich genug. Und dennoch: Ich bin froh mit dem Blog angefangen zu haben und vor allem, dass ich auch meinen Instagram-Account mit meinem „gewöhnlichem“ Mamaleben fülle. Ich freue mich über jede einzelne Nachricht meiner Leser. Ich erwarte auch nicht, dass ich über hunderttausende von Follower habe, sondern, dass die paar, die ich habe, am Ende des Tages unter ihrer Bettdecke ihren Instagram-Feed durchscrollen und sich in diesem ganz normalen Wahnsinn des Mamaseins nicht alleine fühlen. Jede Mama könnte so viel über dieses Abenteuer „Mamasein” erzählen, schreiben und fotografieren, ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe und noch glücklicher darüber bin ich, dass ich auch andere stinknormale Mütter auf Instagram gefunden habe.

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